So hat AfD-Chef Alexander Gauland vor 25 Jahren über Einwanderung und Flüchtlinge gesprochen

    Eine „offene und tolerante Gesellschaft“, eine „humane Einwanderungspolitik“ - all das fand Gauland mal gut.

    Ein Leser der Frankfurter Rundschau hat in seinem privaten Archiv einen Aufruf aus dem Jahr 1993 gefunden, der eine „humane Einwanderungspolitik“ fordert – und den auch AfD-Chef Alexander Gauland unterzeichnet hat. Gauland war damals Geschäftsführer der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“.

    Ein aufmerksamer Leser hat in seinem privaten Zeitungs-Archiv eine spannende Anzeige aus der „Frankfurter Rundschau“ von 1993 gefunden. Ein Aufruf u.a. von Alexander Gauland, der für eine offene, humane Asylpolitik wirbt. Kein Scherz. https://t.co/93l3JwD4Ur https://t.co/1FujsVicDa

    Den Aufruf findet ihr in voller Länge am Ende dieses Beitrags.

    Der Aufruf fordert so ziemlich das Gegenteil dessen, wofür die AfD unter Alexander Gauland heute steht. Hier die zentralen Thesen aus dem Aufruf von 1993, verglichen mit einigen Forderungen des AfD-Chefs aus den vergangenen Jahren:

    1. Eine offene Gesellschaft.

    BuzzFeed News / Via Twitter: @lerchenberg

    1993 trat Alexander Gauland noch für eine offene und tolerante Gesellschaft ein. 25 Jahre später will er die Grenzen dicht machen: „Wir dürfen uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen“, sagte der dem ZEIT Magazin.

    2. Eine humane Einwanderungspolitik.

    BuzzFeed News / Via Twitter: @lerchenberg

    Damals war Alexander Gauland auch der Meinung, Humanität sei das oberste Prinzip bei der Einwanderungspolitik. Davon ist heute nichts mehr zu hören: Die Deutschen müssten die grausamen Bilder an ihren Grenzen einfach „aushalten“, findet Gauland.

    3. Eine Asylpolitik, die sich nicht von Terroristen unter Druck setzen lässt.

    BuzzFeed News / Via Twitter: @lerchenberg

    Vor 25 Jahren sagte Gauland: eine Asylpolitik dürfe sich nicht von Terroristen unter Druck setzen lassen - heute klingt das so: „Die Leute gehören rausgeschafft.“

    4. Ein Staatsbürgergesetz (das heute immer noch unter der Vokabel 'Einwanderungsgesetz' diskutiert wird).

    BuzzFeed News / Via Twitter: @lerchenberg

    Seit Jahren wird in Deutschland über ein Einwanderungsgesetz diskutiert, das legale und gewünschte Einwanderung nach Deutschland ermöglichen soll. Die Idee fand auch Alexander Gauland einmal gut. Als AfD-Vize setzte er sich für einen generellen Einwanderungsstopp für Menschen aus muslimisch geprägten Ländern ein.

    5. Akzeptanz dafür, dass Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft ist.

    BuzzFeed News / Via Twitter: @lerchenberg

    1993 hatte Alexander Gauland kein Problem damit, anzuerkennen, dass Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft ist. Heute findet er, der Islam passe nicht nach Deutschland.

    6. Ein Ende des „völkischen“ Selbstverständnisses.

    BuzzFeed News / Via Twitter: @lerchenberg

    Dass Deutschland sich von völkischen Vorstellungen aus dem sogenannten „Dritten Reich“ verabschieden muss, war 1993 keine Frage für Gauland. In jüngerer Zeit tauchen immer mehr Zitate von Gauland auf, die nicht mehr so klingen.

    BuzzFeed News hat auch Alexander Gauland um eine Stellungnahme gebeten. Bisher erhielten wir darauf keine Antwort. Sollte sich das ändern, tragen wir das hier nach.

    Die Situation damals und heute

    Zum Zeitpunkt, als der Aufruf entstand, wurde in Deutschland ebenfalls eine große Debatte über Zuwanderung geführt. Denn zu Beginn der 90er-Jahre war die Einwanderung nach Deutschland auf einem Rekordniveau angelangt. Die damals erreichten Zuwanderungszahlen wurden in den darauffolgenden 20 Jahren nicht mehr erreicht.

    Die Gründe damals waren:

    1. Der Fall der Mauer und der Umzug von ehemaligen DDR-Bürgern in die alten Bundesländer.
    2. Der Zuzug vieler Osteuropäer in den Jahren nach dem Mauerfall.
    3. Kriege und „ethnische Säuberungen“ im ehemaligen Jugoslawien und im kurdischen Teil der Türkei.

    All das sorgte auch damals für Spannungen in der Gesellschaft und für ein Aufkeimen ausländerfeindlicher Stimmungen.

    VORSICHT: Es handelt sich nicht etwa um aktuelle Meldungen oder Vorurteile gegen Flüchtlinge. Die Aussagen stammen aus einem @DerSPIEGEL-Artikel von 1990. Zu Übersiedlern aus der ehemaligen #DDR! Fällt Euch was auf? 🙃 (Mit Dank fürs Fundstück an die @Volksverpetzer!) https://t.co/MGXofc37x4

    Auch damals griffen die Menschen im ganzen Land Unterkünfte und Zugewanderte an. 1991 wurden in Hoyerswerda Asylsuchende aus ihren Häusern gejagt und mit Steinen beschmissen. Im selben Jahr kam es in Hünxe zu einem Brandanschlag und zwei Kinder von Geflüchteten wurden schwer verletzt. Brandanschläge gab es auch 1992 in Mölln oder 1993 in Solingen. Die Opfer damals waren Mitglieder türkischer Familien, die schon lange in Deutschland lebten. Einige von ihnen starben.

    Der Tiefpunkt waren damals die mehrtägigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Danach kam es zu einem Umdenken der Politik.

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    Der Aufruf von 1993 im Originaltext

    Hier findet ihr den Aufruf in voller Länge, den Alexander Gauland und viele weitere prominente Personen am 16. Februar 1993 in der Frankfurter Rundschau veröffentlichten.

    „Zu verteidigen ist die offene und tolerante Gesellschaft. Zu gewinnen ist ein modernes und europafähiges Deutschland. Nötig ist eine pragmatische und humane Einwanderungspolitik.

    Wir plädieren für eine Rückkehr zur praktischen Vernunft. Für die Politik heißt das: Sie darf nicht zur Geisel der Gewalttäter werden. Eine Asylpolitik aber, die unter dem Druck terroristischer Anschläge betrieben würde, paßt nicht zu einer zivilen Gesellschaft.

    Statt dessen ist eine Politik nötig, die die komplexe Wirklichkeit nach dem Ende des Kalten Krieges nicht leugnet.

    Wir brauchen eine intelligente und verantwortliche Einwanderungspolitik, die die Realitäten anerkennt und sie, soweit möglich, zu beeinflussen und zu steuern versucht. Wir brauchen eine intelligente und verantwortliche Asylpolitik, die an der Selbstverpflichtung der Gesellschaft zur Generosität grundsätzlich festhält.

    Und wir brauchen ein zeitgemäßes Staatsbürgergesetz, das der Tatsache einer seit vielen Jahren bestehenden multikulturellen Gesellschaft Rechnung trägt – in einer Republik, die als offene Gesellschaft das „völkische“ Selbstverständnis hinter sich gelassen hat.“


    Marcus Engert ist Senior Reporter bei BuzzFeed News Deutschland. Verschlüsselter Kontakt per Mail mit PGP-Key: bzfd.it/PGP-engert / Signal oder WhatsApp: bzfd.it/engert / Threema-ID: F8H994R7

    Contact Marcus Engert at marcus.engert@buzzfeed.com.

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