Updated on 5. Apr. 2019. Posted on 19. Nov. 2018

    Der Rechtsfluencer

    Der 24-jährige Immobilienkaufmann Henryk Stöckl ist einer der auffälligsten rechten Meinungsmacher in Deutschland. Auf Facebook und YouTube verbreitet er falsche Behauptungen und manipuliert Hunderttausende Menschen.

    Der junge Mann mit großer schwarzer Brille und grauem Kapuzenpullover holt ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischt sich Tränen aus dem Gesicht. „Ein Polizist wurde am Gesicht schwer verletzt. Es ist schrecklich. Das hat alles Merkel zu verantworten. (...) Hier muss man um sein Leben fürchten“ ruft er seinem Selfie-Stick entgegen. Der Ton des Videos scheppert, um ihn herum ist es laut, das Bild wackelt. Insgesamt streamt er an diesem Abend rund 3,5 Stunden live auf Facebook. „Heute hier in Freiburg gab es Hetzjagden, das werden die Mainstream-Medien wieder nicht berichten. (...) Wäre die Polizei nicht hier gewesen, hätte es Massenmord gegeben.“

    Der Mann vor der Kamera heißt Henryk Stöckl. Seine Beschreibungen sind nah dran, authentisch, emotional, menschlich — all das, was echte Nachrichten oft nicht sind. Aber sie sind auch: übertrieben, manipulierend, falsch. Doch das scheint weder ihn selbst, noch seine wachsende Zahl an Fans zu stören. Selbst wenn Stöckls Behauptungen von der Polizei widerlegt werden, korrigiert er seine Aussagen nicht. Seinem Vorbild Donald Trump folgend: Niemals korrigieren, niemals zurückweichen.

    Als Ende Oktober Tausende zu einer Demonstration gegen Rechts nach Freiburg gekommen sind, berichtet er als Einziger live auf Facebook und erreicht damit mehr als eine halbe Million Aufrufe. Seit August geht der 24-Jährige auf Proteste – Chemnitz, Köthen, Kandel, Berlin – und überträgt von dort teilweise stundenlang auf Facebook und YouTube. Er ist zu einem der auffälligsten rechten Meinungsmacher Deutschlands geworden. In seinen Beiträgen auf Facebook hetzt er gegen Andersdenkende und Journalisten. Traditionelle Medien bezeichnet Stöckl – wie Trump – als „Feinde des Volkes“.

    BuzzFeed News Deutschland hat im Umfeld von Henryk Stöckl, bei der AfD und der Jungen Alternative recherchiert. Auf unsere Anfrage hin entscheidet sich Stöckl erstmals dazu, ein längeres Interview zu geben. Vor wenigen Tagen haben wir ihn in Frankfurt am Main getroffen.

    Im Gespräch nennt sich Stöckl mal ungelernter Privat-Journalist, mal Aktivist, mal neutraler Berichterstatter, mal Kommentator. Das passt zu seinem Auftreten vor der Kamera: Immer wieder wechselt er zwischen angeblichen Fakten, Mutmaßungen und persönlichen Kommentaren. Als BuzzFeed News ihn nach konkreten Quellen für seine Behauptungen fragt, kommt Stöckl ins Stottern.

    Woher er wissen will, dass die Vergewaltigung in Freiburg die „größte Gruppenvergewaltigung des Jahrzehnts“ gewesen sei? Stöckl überlegt. Sekundenlang. Seine Augen wandern von links nach rechts. Viele Menschen würden sich jetzt einen Ruck geben und Dinge sagen wie: „Entschuldigung, ich weiß es nicht.“ Nicht Stöckl.

    „Also, diese Frage, die lassen wir mal lieber aus“, sagt er schließlich.

    Stöckls Erfolg steht für den Aufstieg von etwa einem Dutzend rechten Meinungsmachern, die in sozialen Netzwerken aktuelle Ereignisse kommentieren, dabei teilweise einseitig berichten, Wahrheiten verdrehen oder hetzen. Und die damit in den vergangenen Monaten immer erfolgreicher geworden sind. BuzzFeed News berichtete in der Vergangenheit bereits über die Veröffentlichungen von Sven Liebich oder darüber, wie einige Verschwörungstheoretiker und Neue Rechte auf YouTube traditionelle Medien überholen.

    Diese Recherche von BuzzFeed News zeigt auch, wie leicht es soziale Medien heute machen, mit Hetze und Lügen hunderttausende Menschen zu erreichen. Und wie wenig Wert viele Menschen im Netz offenbar auf Fakten legen, während sie traditionellen Medien gleichzeitig fehlende Faktentreue vorwerfen.


    „Klare Falschmeldungen“

    Auf Facebook postet Stöckl noch am Abend der Freiburg-Demo seine Zusammenfassung der Ereignisse.

    „+++POLIZIST 👮🏼‍♂️VERLIERT AUGENLICHT, NACHDEM ER VON ANTIFA MIT ZERBROCHENER GLASFLASCHE INS GESICHT GESCHMISSEN WURDE😢+++“.

    Wer die Einordnungen und Kommentare des 24-jährigen liest, kann den Eindruck bekommen, dass an diesem Abend in Freiburg das absolute Chaos geherrscht haben muss. Das liegt unter anderem an dem Titel, den Stöckl für eines seiner Videos wählt: „BÜRGERKRIEGSZUSTÄNDE IN FREIBURG: GEWALT DER ANTIFA ESKALIERT!“

    Nach der Demonstration widerspricht die Polizei Freiburg Stöckls Behauptungen. Und weil so viele Falschmeldungen von ihm kursieren, twittert die Polizei nur noch Stichpunkte:

    Insgesamt werden auf der Demonstration drei Polizisten leicht verletzt, alle ohne Fremdeinwirkung, gibt die Polizei an. „Und leicht verletzt ist bei uns weit von der Diagnose einer Erblindung entfernt“, schreiben die Beamten auf Twitter.

    Die Badische Zeitung reagiert auf Stöckl, schreibt seine Falschbehauptungen auf und konfrontiert ihn. Der rudert plötzlich zurück. Den Flaschenwurf, der angeblich zur Erblindung eines Polizisten geführt haben soll, habe er nur aus zweiter Hand erzählt bekommen, aber nicht selbst gesehen. „Da reimte sich Stöckl offenbar eine Geschichte zusammen“, schreibt die Badische Zeitung. Stöckl entschärft Teile seines Facebook-Textes, die Videos lässt er unberichtigt stehen.

    In vielen Videos und Beiträgen kritisiert Stöckl traditionelle Medien, wenn sie Fakten mit Meinungen vermischen oder angeblich Dinge berichten, die nicht richtig sind. Sich selbst misst er an anderen Maßstäben: „Der große Unterschied ist, dass ich das im besten Gewissen geschrieben und nicht wissentlich falsch gemacht habe – genau das ist der Unterschied zu den Mainstream-Medien“, sagt er im Gespräch mit BuzzFeed News.

    Seine Livestreams und Zusammenfassungen zu Freiburg haben auf Facebook insgesamt mehr als eine halbe Million Aufrufe. Zahlen, von denen klassische Nachrichtenmedien im Moment nur träumen können.

    „Das ist in der Tat ein Symbolbild. Aber spielt das eine Rolle?“

    Seinen ersten großen Erfolg hat Stöckl Ende August. Während des Stadtfestes in Chemnitz stirbt ein Mann nach Messerstichen in einer Auseinandersetzung, an der auch Asylbewerber beteiligt waren. Rechte und rechtsextreme Gruppen rufen daraufhin zu Demonstrationen auf. Auf YouTube und Facebook werden Gerüchte verbreitet, es hätte ein zweites Todesopfer gegeben. Einer derjenigen, der die Falschinformation sehr erfolgreich auf Facebook teilt, ist Henryk Stöckl (BuzzFeed News berichtete).

    Stöckls Zusammenfassung der Demonstrationen in Chemnitz hat 250.000 Aufrufe – und das nur auf seinem eigenen Profil. Das Video wurde auch auf anderen Facebook-Konten veröffentlicht, darunter auf dem Profil der AfD-Landtagsabgeordneten Christina Baum. Dort erreichte das Video mehr als eine Million Aufrufe. In einem weiteren Video zu Chemnitz mit fast 100.000 Aufrufen wirft Stöckl dem Staat vor, Hetzjagden erfunden zu haben und den Obduktionsbericht eines Opfers zu fälschen. Quellen nennt er dafür keine.

    Nachdem Anfang September in Köthen ein 22-jähriger herzkranker Mann nach einer Auseinandersetzung mit zwei Afghanen im Krankenhaus an den Folgen eines Herzinfarkts stirbt, veröffentlicht Stöckl das Foto eines offenbar toten Mannes, der reglos mit dem Rücken auf dem Boden liegt, alle Gliedmaßen von sich gestreckt.

    Das Gesicht des Mannes trägt einen schwarzen Balken. Trotzdem ist das Foto so drastisch, dass Facebook es erst nach einem Warnhinweis anzeigt. Mehr als 3000 Menschen teilen das Bild. Viele verbreiten Stöckls Beitrag, um ihren Freunden bei Facebook zu zeigen, was traditionelle Medien angeblich verschweigen.

    via Facebook

    Das Foto wird erst nach einem Warnhinweis angezeigt.

    Das Foto zeigt aber gar nicht das Opfer aus Köthen. In Wahrheit stammt es aus Mexiko und zeigt einen Mann, der sich 2017 mit einem Sprung von einer Brücke das Leben nahm. Um das herauszufinden, braucht es nur wenige Sekunden. Dennoch reagieren Tausende auf das Bild mit Likes, Kommentaren und Shares, ohne zu ahnen, dass Stöckl es aus dem Zusammenhang gerissen hat.

    Einen Tag später editiert Stöckl seinen Beitrag. „Das ist in der Tat ein Symbolbild (...). Aber spielt das eine Rolle? Denn so oder so ähnlich lag Markus B. da, als er so oft gegen den Kopf getreten wurde, bis dieser aufplatzte und verblutete.😢“, fügt er seinem Beitrag auf Facebook hinzu. Er scheint es nicht problematisch zu finden, tausende Menschen mit einem falschen Bild zu täuschen.

    Aus Köthen verbreitet Stöckl zudem ein Video von brennenden Fahrzeugen und schreibt dazu, Linksautonome hätten die Autos angezündet. 90.000 Aufrufe bekommt Stöckl für diesen Beitrag.

    Die Köthener Polizei schreibt, dass ein technischer Defekt für den Brand verantwortlich war. Einige Nutzer kommentieren unter Stöckls Post und verlinken die Klarstellung der Polizei. Aber Stöckl reagiert nicht und lässt die falsche Behauptung stehen – bis heute.

    „Mach weiter so.. Du bist echt Mutig...LG Hab dich Lieb..“

    Erst seit einem halben Jahr verbreitet Stöckl regelmäßig politische Beiträge, Videos und Fotos auf Facebook und YouTube. Er betreibt keine „Facebook-Seite“ wie sie Organisationen oder Parteien haben, er veröffentlicht alles auf seinem privaten Facebook-Profil. Jeder kann ihm eine Freundschaftseinladung schicken. So wirkt Stöckl menschlicher, authentischer, näher.

    Dass Stöckl als Privatperson und nicht als „Seite“ agiert, dürfte ihm bei der Verbreitung seiner Beiträge helfen. Facebook hat im vergangenen Jahr begonnen, seinen Algorithmus umzustellen – und zeigt nun Nachrichtenmedien und Facebook-Seiten von Organisationen weniger prominent im Newsfeed aller Facebook-Nutzer an. Dafür sollen Profile von „Freunden“ häufiger angezeigt werden, wie das von Henryk Stöckl.

    Hunderte Kommentatoren loben Stöckl. „Jap, super. Vielen Dank für das Video und für deinen Einsatz Henryk️ ️️️️️👍🇩🇪️“ und „Mach weiter so.. Du bist echt Mutig...LG Hab dich Lieb..“ schreiben Facebook-Nutzer unter die Beiträge Stöckls. Facebook belohnt es, wenn unter Beiträgen „meaningful interactions“ stattfinden, also Kommentare wie diese geschrieben werden.

    Mehr als 4000 Freunde und 7000 Abonnenten hat Stöckl auf seinem Facebook-Profil gesammelt. Auf YouTube hat er rund 22.000 Abonnenten. Das sind keine besonders hohen Zahlen, dennoch erreichen seine Videos immer wieder zehntausende oder hunderttausende Aufrufe.

    Besonders viel Aufmerksamkeit bekommen Stöckls Videos und Fotos in geschlossenen rechten Facebook-Gruppen. Teilweise werden Stöckls Beiträge von mehreren Anhängern gleich mehrfach in dieselben rechten Gruppen gepostet. Dort bekommen seine Beiträge besonders wenig Gegenwind.

    Digitale Mistgabeln

    Seine Reichweite nutzt Stöckl, um vor angeblichen ausländischen Gewalttätern in Deutschland zu warnen oder Andersdenkende und Journalisten zu bedrohen.

    Er zeigt unzensierte Fotos von Männern, denen er nachsagt, Gewaltverbrechen begangen zu haben. In einigen Fällen schreibt er ihre angeblichen Namen dazu. „Ihr habt ja schon einen Namen, dann könnt ihr ihn auch finden“ schreibt einer von Stöckls Anhängern. Ein anderer Nutzer kommentiert mit dem Foto einer Pistole und schreibt dazu: „Walter, erledige das mal.“ Die Firma Carl Walther ist ein bekannter deutscher Pistolenhersteller.

    Mitte Oktober macht Stöckl auf einen AfD-kritischen Rap-Song aufmerksam. „Pack die Schrot(flinte) aus und treffe Alexander Gauland“ ist eine Zeile aus dem Song. Kunstfreiheit oder Straftat? So etwas entscheiden gegebenenfalls Gerichte, aber für Stöckl ist der Fall klar.

    Im Lied sei ein strafbarer Aufruf zur Gewalt, sagt der 24-jährige und verbreitet Fotos und das Instagram-Profil des Rappers. „Antifa Möchtegern-Rapper JK, der mit bürgerlichen Namen Julian ... (bitte herausfinden!) heißt und in Bad Nauheim (Hessen) lebt“, schreibt Stöckl und fordert, dass der Rapper „sozial geächtet“ werden sollte. Mehr als 600 Menschen teilen Stöckls Aufruf, seine Anhänger finden schnell den vollen Namen des Beschuldigten heraus und posten weitere Social Media Profile der Person in die Kommentare. Die digitale Jagd auf den Rapper beginnt – wenig später nimmt er das Video offline.

    Auch Journalistinnen und Journalisten bedroht Stöckl. „Journalistin attackiert mich“ schreibt Stöckl in einem Video am 3. September. Während einer Demonstration in Chemnitz will Stöckl gesehen haben, wie eine Journalistin den Anweisungen des Sicherheitspersonal nicht folgt. Er konfrontiert die Journalistin der BILD-Zeitung vor laufender Kamera. Diese möchte das Gespräch beenden, Stöckl läuft ihr hinterher und filmt weiter. Dann drückt sie sein Handy zur Seite. Für ihn ist das ein Angriff der Journalistin. Er wird ihr gegenüber lauter, droht: „Ich stelle das online. Mein letztes Video hatte 400.000 Views. Ich freue mich, wenn Sie dann Ihren Job verlieren.“


    Stöckl veröffentlicht einen Ausschnitt des Videos. Er zeigt auch Standbilder der Journalistin und blendet ein: „DIESE GEWALTBEREITE JOURNALISTIN IST LUISA S. [Nachname von BuzzFeed entfernt] UND ARBEITET BEI DER BILD-ZEITUNG IN … [Ort von BuzzFeed entfernt]. TEILT DIESES VIDEO UND SORGEN WIR DAFÜR, DASS SO JEMAND NICHT LÄNGER ALS JOURNALISTIN ARBEITEN DARF.“

    Das Video von Stöckl bekommt mehr als 250.000 Aufrufe. Einer der Kommentare lautet: „Systemjournalisten, Grüne und Linke sollte man alle aufhängen.“

    „Fake News sind Feinde des Volks!“

    Stöckl erzählt im Gespräch mit BuzzFeed News, dass ihn vor allem eine Person inspiriert habe, politisch aktiv zu werden: Donald Trump. Als Trump im Jahr 2016 Präsident der Vereinigten Staaten wird, ist Stöckl zunächst skeptisch. Er beobachtet, wie der Präsident von vielen kritisiert, nachgemacht, ja ausgelacht wird. Doch als sich Stöckl mit den Forderungen Trumps auseinandersetzt, habe er plötzlich gute politische Ideen gesehen, die, so sagt Stöckl, dem Wohle des Volkes dienten.

    Als Präsident Trump Anfang November einen CNN-Journalisten bei einer Pressekonferenz angreift, schreibt Stöckl auf Facebook: „Ich hoffe und erwarte, dass wir in Deutschland die Mainstream-Medien (...) hart und gnadenlos konfrontieren und bloßstellen - genau wie Trump! Fake News sind Feinde des Volks!“

    Henryk, wer?

    Aufgewachsen ist Stöckl in der Nähe von Frankfurt am Main. Seinen genauen Wohnort möchte er nicht preisgeben. Er arbeitet bei einer Hausverwaltung und stellt sich BuzzFeed News als Immobilienkaufmann vor. Stöckl sagt, er habe früher gerne den „Focus“ gelesen, der sei ihm aber heute nicht mehr konservativ genug. Stattdessen informiert sich Stöckl bei Medien wie „journalistenwatch.com“, die rechte Verschwörungstheorien verbreiten. Auf Facebook ist Stöckl in Gruppen wie „Steinmeier ist NICHT UNSER PRÄSIDENT“, „Rechtskonservative AfD-Freunde“ oder „Die Patrioten für Deutschland“.

    Die AfD ist die Partei, der sich Stöckl am nächsten fühlt. Er beginnt auf Demonstrationen zu gehen, findet Gleichgesinnte. Auf den Demonstrationen gegen Ausländergewalt in Kandel begegnet er immer wieder den gleichen Menschen. Heute nennt er sie „eine große Familie“.

    Dann fasst Stöckl kurzerhand einen Entschluss, der für ihn alles ändert.

    Auf den Demos in Kandel beobachtet Stöckl hunderte Menschen, die sich für eine gemeinsame Sache einsetzen – aber niemand filmt oder hält überhaupt fest, wie viele hier zusammengekommen sind. „Da habe ich einen Selfie-Stick auf Amazon gekauft und mein Handy rangeklatscht und dann auf Facebook einen Livestream gestartet. Das ging relativ spontan“, sagt Stöckl im Gespräch mit BuzzFeed News.

    Für seine Videos bekommt er Anerkennung — online wie offline. Er findet immer mehr Freunde in der AfD, fährt mit den baden-württembergischen AfD-Landtagsabgeordneten Stefan Räpple oder Christina Baum gemeinsam auf Demonstrationen. Auch in seiner Facebook-Freundesliste wird die Nähe zur AfD deutlich. Er ist auf Facebook mit mindestens 35 Bundestagsabgeordneten der AfD befreundet, wie BuzzFeed News recherchiert hat.

    Im Gespräch höflich, in der Sache rechts

    Im persönlichen Gespräch ist Stöckl gut gelaunt, höflich, zuvorkommend. Er freut sich, dass Menschen sich für seine politische Arbeit, seine Ansichten und Meinungen interessieren. Anerkennung und ein respektvoller Umgang miteinander sind ihm wichtig, das spürt man deutlich.

    Foto: Karsten Schmehl / BuzzFeed

    Er erzählt, was ihn antreibt und wo in unserem Land aus seiner Sicht die Probleme liegen. Immer wieder nutzt er von Rechten und Rechtsextremen geprägte Begriffe wie „Alt-Parteien“ oder „Mainstream-Medien“.

    Traditionellen Medien unterstellt Stöckl, gelenkt und links zu sein. Er selbst sei dagegen ein neutraler Berichterstatter. Ihm würden die Menschen mehr vertrauen, weil er authentischer sei. „Das ist dann eine willkommene Abwechslung, wenn das mal kein gelernter Journalist, sondern einfach nur ein ganz normaler Bürger macht, der es einfach nur so schildert, wie er es sieht“, sagt Stöckl. „Wenn man mich kennenlernt, weiß man, dass ich ein ehrlicher Mensch bin.“

    Auch nach einer Stunde Gespräch fällt es nicht leicht, zu beurteilen, ob Stöckl seine Falschaussagen kalkuliert oder aus Naivität verbreitet. Es bleibt unklar, ob er die Tragweite seiner Handlungen nicht versteht oder nicht verstehen will.

    Warum, zum Beispiel, hetzt er seine Anhänger gegen eine Journalistin der BILD-Zeitung auf?

    „Ich mache das nicht, um jemandem persönlich zu schaden. Ich mache das, um anzuprangern, wenn etwas nicht in Ordnung ist.“

    „Sie schreiben: ‘Teilt das Video, damit sie nicht mehr als Journalistin arbeiten darf.’ Das ist nicht persönlich schaden?“

    „Ich kenne sie ja nicht persönlich.“

    Dass Fans in den Kommentaren zu Gewalt gegen die Journalistin aufrufen, nimmt Stöckl gelassen. „Man ist ja nicht für jede Person verantwortlich, die das dann liest und was sie daraus macht.“

    Mit Persönlichkeits- und Urheberrecht hat sich Stöckl noch nicht beschäftigt, sagt er. Er sieht das als Vor-, nicht als Nachteil. „Natürlich ist es wichtig, dass man sich mit Recht und Gesetz auskennt, aber ich glaube, dass es mal gut ist, wenn Amateure wie ich einfach mal ganz nackt die Wahrheit zeigen.“

    Foto: Karsten Schmehl / BuzzFeed News

    Im Fall des AfD-kritischen Rappers will er eine Straftat beobachtet haben, einen Aufruf zur Gewalt. Der Polizei hat er die angebliche Straftat allerdings nicht gemeldet.

    „Herr Stöckl, warum haben Sie nicht die Polizei informiert?“

    „Ich kenne mich da nicht so direkt aus und ich habe auch keine Rechtsschutzversicherung oder sowas.“

    Es bleibt im Gespräch unklar, ob Stöckl wirklich nicht weiß, dass man für eine Anzeige keine Rechtsschutzversicherung braucht – für die öffentliche Hetze gegen Mitbürger dagegen eventuell schon.

    BuzzFeed News hat das gesamte Gespräch mit Stöckl als Video-Interview geführt. Nach dem Interview fragt Stöckl, ob er das Rohmaterial als „Andenken an sein erstes Interview“ haben könnte. BuzzFeed News hat das abgelehnt.

    Ausschlussverfahren gegen Stöckl

    Die Größen der AfD sind für ihn wie Popstars. Auf seiner mittlerweile vom Anbieter gesperrten Webseite hat er Fotos von AfD-Politikern gesammelt. „Best of Selfies“ heißt eine Galerie. Auf den Fotos steht er neben von Storch, Gauland, Weidel und Höcke — alle Großen hat er vor die Kamera bekommen. Ein Selfie von ihm mit Alice Weidel ist seit Wochen sein Facebook-Profilbild, davor war es ein Selfie mit ihm und Beatrix von Storch. Zu einem Bild mit Alexander Gauland schreibt er: „Vielen Dank für das Foto! 🙏🏻 Es war mir eine große Ehre, Sie kennengelernt haben zu dürfen! 🤗💙“

    Gegenüber BuzzFeed News sagt Stöckl, dass er in der Jungen Alternative Hessen aktiv sei. Das stimmt, jedoch sagt die Junge Alternative Hessen auf Anfrage von BuzzFeed News, dass aktuell ein Ausschlussverfahren gegen ihn läuft. „Generell rechtfertigt ein massives Fehlverhalten sowie eine eklatante Verbandsschädigung die Einleitung eines Ausschlussverfahrens“, schreibt die Junge Alternative Hessen.

    Auch Mitglied der AfD wäre Stöckl gerne, könne dies jedoch aktuell nicht werden. Stöckl wirft der Partei gegenüber BuzzFeed News vor, derzeit übervorsichtig in der Mitgliederauswahl zu sein.


    „Hinter mir findet gerade die Heil-Merkel-Demo statt“, sagt Henryk Stöckl und lächelt in sein Handy. Es ist der 16. November, die Bundeskanzlerin ist in Chemnitz zu Besuch und auch der YouTuber ist extra angereist. Insgesamt zweieinhalb Stunden streamt er live, wie die Menschen rufen: „Hau ab!“ Kurz darauf sind die Videos nicht mehr online. Stöckl selbst schreibt: „Facebook hat diese Videos auf meinem anderen Account gesperrt, sie würden gegen die Communitystandards verstoßen.“

    Er lädt sie neu hoch. Seine Fans kommentieren: „Mach weiter Junge!“

    Und: „Bringt die Merkel-Regierung zu Fall!


    Über die Recherche zu Henryk Stöckl sprechen wir auch in unserem Podcast „Unterm Radar“. Hier hören:

    In einer weiteren Folge unseres Podcasts „Unterm Radar“ sprechen wir darüber, was seit der Veröffentlichung unserer Recherche zu Henryk Stöckl passiert ist. Hier hören:



    UPDATE

    Wir haben die Formulierung „falsche Fakten“ mit „falsche Behauptungen“ aktualisiert.

    UPDATE

    Wir haben bei den Passagen zu den Ereignissen in Chemnitz und Köthen genauer formuliert, um deutlicher zu machen, dass a) im Fall von Chemnitz beschuldigte Ausländer bislang nicht gerichtlich verurteilt wurden und dass b) im Fall von Köthen die gerichtsmedizinische Untersuchung ergeben hat, dass der 22-jährige nicht getötet wurde.

    UPDATE

    Ein zitierter Tweet der Polizei Freiburg sprach von drei verletzten Polizisten, nicht von drei verletzten Menschen. Wir haben unsere Formulierung berichtigt.

    UPDATE

    Bundeskanzlerin Angela Merkel war am 16. November in Chemnitz. Nicht am 17. November, wie in einer früheren Version dieses Artikel stand.


    Hier findest Du alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschland. Mehr Recherchen von BuzzFeed News Deutschland findest Du auch in unserem Podcast, auf Facebook und Twitter oder im RSS-Feed.

    Mehr Informationen über unsere Reporterinnen und Reporter, unsere Sicht auf den Journalismus und sämtliche Kontaktdaten – auch anonym und sicher – findest du auf dieser Seite.



    Karsten Schmehl ist Reporter für Social News und Desinformation bei BuzzFeed News und lebt in Berlin.

    Contact Karsten Schmehl at karsten.schmehl@buzzfeed.com.

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