So erfolgreich hetzen Facebook-Seiten mit verfälschten Überschriften gegen Flüchtlinge

    Mit dieser Methode erzeugen Hass-Seiten Reichweite.

    "Gegen Masseneinwanderung, Asyl nur für Verfolgte" (30.000 Fans auf Facebook) ist eine von vielen Facebook-Seiten, die mit Links, Videos oder Fotos Hass gegen Flüchtlinge schürt.

    Wenn diese Facebook-Seite Links zu Artikeln anderer Medien teilt, macht sie manchmal etwas, das vielen Nutzern auf den ersten Blick nicht auffallen wird.

    Facebook: GegenMasseneinwanderung

    Sie teilen zum Beispiel einen Link zur Augsburger Allgemeinen Zeitung. Die Überschrift bei Facebook lautet: "'Südländer' schlagen Deutschen Eisenkette ins Gesicht, treten ins Gesicht und reisen Ohrring heraus".

    Für Nutzer sieht es nun so aus, als hätte die Augsburger Allgemeine Zeitung einen Artikel mit dieser Überschrift veröffentlicht.

    Doch das stimmt nicht. Klickt man auf den Link, hat der Artikel der Augsburger Allgemeinen eine ganz andere Überschrift. Sie lautet:

    Im Vergleich der Facebook-Posts zeigt sich, dass den Text mit der veränderten Überschrift viel mehr Menschen liken, teilen und kommentieren.

    Facebook

    Die Augsburger Allgemeine kommt bei ihrem Facebook-Post auf 15 Shares, "Gegen Masseneinwanderung, Asyl nur für Verfolgte" kommt mit ihrer veränderten Überschrift auf mehr als 400 Shares. Dabei hat die Augsburger Allgemeine (100.00 Fans auf Facebook) mehr als drei Mal so viele Facebook-Fans als die Hetz-Seite.

    Artikelüberschriften können auf Facebook einfach verändert werden.

    Facebook

    Facebook erlaubt es Betreibern von Seiten mit einem einzigen Klick, die Überschrift oder den Teaser-Text eines verlinkten Artikels zu verändern. Das ist jedes Mal möglich, bevor ein Link auf Facebook geteilt wird. Viele Privatnutzer auf Facebook kennen diese Funktion nicht, weil sie nur für Seitenbetreiber freigeschaltet ist.

    Die verfälschte Südländer-Überschrift über dem Text der Augsburger Allgemeinen Zeitung ist nicht der einzige Fall. Die Mittelbayerische Zeitung hat diesen Artikel über einen Messerstecher in Regensburg veröffentlicht.

    Die Facebook-Seite "Wahrheiten & Meinungen, die Dir Mainstream-Medien z.T. verschweigen" hat diesen Artikel geteilt und die Überschrift so verändert:

    Facebook: permalink.php

    Den Text mit der Hetz-Überschrift teilten mehr als 1200 Menschen auf Facebook. Das ist viel, vor allem wenn man bedenkt, dass die Seite nur rund 4000 Fans hat.

    Um es an dieser Stelle deutlich zu sagen: Die Fakten sind korrekt. Der mutmaßliche Täter ist ein 23-jähriger Asylbewerber aus Syrien. Das steht tatsächlich im Artikel der Mittelbayerischen Zeitung.

    Die Hetzseiten stellen bei den Taten die Herkunft der mutmaßlichen Täters heraus. Sie wollen offenbar Hass gegen Migranten schüren.

    Christian Kucznierz, Leiter des Newsdesk bei der Mittelbayerischen Zeitung sagt auf Anfrage von BuzzFeed News: "Für die Überschrift war die Information über die Herkunft des Täters unserer Ansicht nach nicht relevant, zumal der Hintergrund der Tat völlig unklar war."

    Diese Hetz-Methode hat System – und ist erfolgreich. Wie hier bei einem Artikel von Chiemgau24.de...

    ...der in Wahrheit diese Überschrift trägt, in der die Herkunft des Täters auch nicht genannt wird.

    BuzzFeed News hat die Betreiber der Facebook-Seiten kontaktiert, aber bisher keine Antwort erhalten.

    Die meisten professionellen Journalisten halten sich zurück, wenn es um die Nationalität mutmaßlicher Täter geht. Sie schreiben diese zum Beispiel oft nicht in die Überschrift. Damit folgen sie dem Pressekodex des deutschen Presserates.

    Dort steht unter Ziffer 12: „In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

    Das bedeutet: Wenn die Nationalität wirklich etwas mit der Tat zu tun hat, dann können Journalisten die Herkunft der mutmaßlichen Täter nennen. Wenn die Nationalität nicht direkt mit der Tat zusammenhängt, dann eher nicht. Denn immer gilt: Vorsicht vor der Diskriminierung von Minderheiten.

    Nach den Berichten über die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2016 wurde darüber diskutiert, ob diese Richtlinie des Presserates noch zeitgemäß ist. Sollte man nicht einfach immer die Herkunft eines Verdächtigen nennen? Dürfen Journalisten ihrem Publikum Informationen vorenthalten?

    Hier auf Übermedien ist die Diskussion zusammengefasst. Dort steht auch, warum Ziffer 12 des Pressekodex wichtig ist:

    "Die große Zahl von Flüchtlingen schafft eine besondere Situation in Deutschland. Sie fordert in besonderem Maße eine verantwortungsvolle Berichterstattung: Die auf Missstände und Probleme hinweist, die damit zusammenhängen, dass so viele Fremde ins Land kommen. Die aber auch ihren Beitrag dazu leistet, keine falschen Zusammenhänge zu suggerieren zwischen Herkunft und Kriminalität, keine Stereotype fördert. (...) Seriöse Medien entscheiden sich auch sonst bewusst dafür, Dinge nicht zu veröffentlichen, obwohl man sie im Internet findet. (...) Medien wählen aus und lassen weg, was irrelevant ist, was die Öffentlichkeit nichts angeht, was ethischen Ansprüchen widerspricht."

    Der Deutsche Presserat sieht sich nicht in der Verantwortung für private Facebook-Seiten.

    Auf schriftliche Anfrage von BuzzFeed News antwortet der Deutsche Presserat:

    "Wir halten Veränderung von Zeitungs-Originalartikeln für problematisch, aber dies fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich der Freiwilligen Selbstkontrolle der Presse. Der Presserat ist lediglich zuständig für die journalistischen Beiträge auf den Facebook-Seiten der Verlage und Telemedien."

    BuzzFeed News hat die in diesem Artikel erwähnten Zeitungen mit den Beispielen konfrontiert und gefragt, warum sie die Nationalität im Text aber nicht in der Überschrift genannt haben.

    Der Mittelbayerischer Verlag antwortet uns:

    Collage: BuzzFeed

    Weiter schreibt Christian Kucznierz:

    "Es ist immer unerfreulich, wenn Nachrichten, egal von wem, genutzt werden, um gegen Minderheiten zu hetzen. Das ist auf Facebook allerdings ein Problem, dem Medienhäuser nur bedingt Herr werden können. Vorwürfen, wir würden Tatsachen verheimlichen oder aktiv an Diskriminierungen beteiligt sein, treten wir entschieden entgegen. Das Verändern von Überschriften ist sehr ärgerlich, aber schwer zu verhindern. Wir haben in einigen Fällen unseren Anwalt eingeschaltet."

    Chiemgau24.de distanziert sich von den verfälschten Überschriften und sieht Facebook in der Pflicht, solche Manipulationen technisch zu verhindern.

    Collage: BuzzFeed

    Weiter schreibt Martin Weidner:

    "In unserer Redaktion haben wir schon beim Einsetzen der großen Flüchtlingswelle im Jahr 2015 beschlossen, ebenso offen wie sorgsam mit der ganzen Thematik umzugehen. Das sind wir unseren Lesern schuldig. Konkret bedeutet dies, dass wir die Herkunft von Tätern, sofern dies von der Polizei/den Behörden bekannt gegeben wird, im Grundtext unserer Artikel offen nennen, aber auf reißerische Aufmacher/Überschriften mit der Herkunft des Täters eben verzichten."

    Der Autor des Artikels in der Augsburger Allgemeinen antwortet BuzzFeed News:

    Collage: BuzzFeed

    Wie wichtig diese Auswahl durch Journalisten ist, wird deutlich, wenn man das Ganze von der anderen Seite betrachtet.

    Was wäre, wenn Journalisten immer alle verfügbaren Informationen zur Herkunft der beteiligten Personen recherchieren würde. Die Seite Bildblog hat das in diesem Artikel durchgespielt und ist bei einer fiktiven Polizeimeldung zu folgendem Ergebnis gekommen:

    UPDATE

    Die Seite "Gegen Masseneinwanderung, Asyl nur für Verfolgte" hat uns geantwortet und schreibt im Wortlaut:

    "Wie sehr vielen anderen Bürgern auch, missfällt uns dass der Mainstream in der öffentlichen Berichterstattung oftmals versucht die Herkunft der Täter zu verschleiern. Medien haben einen Informationsauftrag und sollten diesem umfassend nachkommen und nicht versuchen bestimmte Fakten die nicht ihrer politischen Agende entsprechen wegzulassen (wie z.B. die Täterherkunft)."

    Karsten Schmehl ist Reporter für Social News und Desinformation bei BuzzFeed News und lebt in Berlin.

    Contact Karsten Schmehl at karsten.schmehl@buzzfeed.com.

    Got a confidential tip? Submit it here

    Hat dir dieser Beitrag gefallen? Möchtest du jede Woche von uns hören?

    Dann melde dich bei unserem Newsletter an. Wir schicken dir die besten Recherchen, nicht nur unsere eigenen. Und erklären, wie wir bei BuzzFeed arbeiten. Kostenlos.

    Newsletter signup form