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Es ist 2018 und diese LGBT*s berichten, wie viel Hass sie sich jeden Tag anhören müssen

Unter dem Hashtag #MeQueer teilen Menschen auf Twitter derzeit ihre Diskriminierungserfahrungen in Deutschland.

Das Hashtag #MeToo löste vergangenes Jahr eine weltweite Debatte über Sexismus und sexualisierte Gewalt aus, vor wenigen Wochen wurde in Deutschland unter #MeTwo über Rassismus-Erfahrungen debattiert.

Nun schreiben unter #MeQueer auch Lesben, Schwule, Trans- und andere LGBT*s über ihre Erfahrung mit Diskriminierung und Gewalt.

Die Menschen berichten von teilweise brutalen Erfahrungen ...

Ausflug mit der Schulklasse ins KZ Sachsenhausen. Uns wird erzählt, dass hier viele Homosexuelle inhaftiert waren. Alle gucken mich an. Einer sagt: "Hier gehörst du hin." #MeQueer

Ich wollte mich nicht zu #MeQueer äußern. Gerade habe ich keine Kraft dafür, wieder von Trollen überrannt und beleidigt zu werden. Aber mein 14-jähriges Ich, das wegen ihrer Sexualität in Müllcontainer (die man von innen nicht öffnen kann) gesteckt wurde, will gehört werden.

... und von Alltagserfahrungen, die viele Menschen nachvollziehen können.

Typ auf ner Party: Mit wie vielen Männer hast du geschlafen um sicher zu sein, dass du auf Frauen stehst? Ich: Null. Und du? Sein Blick und das gestammelte "Ja, nee, das ist doch etwas gaaaaanz anderes" war unbezahlbar. Bringt mich selbst nach Jahren noch zum Lachen. #MeQueer

"Bist du der Mann oder die Frau in der Beziehung?" "Du siehst aber gar nicht schwul aus." "Kennst du den Philipp? Der ist auch schwul." "Du hast einfach noch nicht die richtige Frau gefunden!" "Das ist nur eine Phase." "Hast du keine Angst vor AIDS?" #MeQueer

Sie berichten von früher ...

In 13 Jahren Schulunterricht kam Homosexualität ein einziges Mal vor - im Zusammenhang mit Aids. #MeQueer

Mein bester Schulfreund (15) und ich (damals 16) haben von uns gegenseitig erotische Fotos gemacht. Auch nackt. Und mit Ständer. Die Fotos wurden von seinem Vater und meinem Stiefvater gefunden. Wir wurden beide verprügelt. Wir hatten nie Sex. #MeQueer

... und von heute.

Es hat mein halbes Leben lang gedauert, bis ich mich als trans outete. Es hat mein halbes Leben lang gedauert, weil mir mein halbes Leben lang gespiegelt wurde: das was du dir wünscht ist falsch und ekelhaft. Ich rede jetzt so viel über mich, weil ich endlich reden darf. #MeQueer

Sie berichten von Erfahrungen im öffentlichen Raum ...

Jedes Mal innerlich zu zittern anfangen und in Habachtstellung gehen, wenn man im öffentlichen Raum „Schwuchtel“ oder „ey, ist voll schwul“ hört (Nur falls jemand denkt, sowas könnte auch „spaßig“ gemeint sein) #MeQueer

Immer bevor ich die Hand meines Mannes ergreife, checke ich die Umgebung, ob ich sicher bin. Manchmal merke ich das erst im Nachhinein. #MeQueer

#MeQueer - Wenn das Schönste auf der Welt - ein Kuss, eine Umarmung, eine Zärtlichkeit - in der Öffentlichkeit Überwindung bedeutet.

... und erzählen, wie sie auf die Diskriminierung reagieren.

Fragte uns vor Jahren so ein Depp: "Wer ist von euch beiden der Mann?" Ich antwortete: "An geraden Tagen ich, an ungeraden sie." #MeQueer

„Intimsphäre gilt für Queere nicht.“

In den letzten Jahren habe ich eines gelernt: Ich als trans werde etwa so oft nach meinen Genitalien gefragt, wie meine Frau gefragt wird, ob sie jetzt lesbisch sei. Intimsphäre gilt für queere nicht. #MeQueer

„Lesbe? Die ist nur von Männern enttäuscht.“

"Lesbe? Die ist nur von Männern enttäuscht." "Schwul? Der wär bestimmt lieber eine Frau." "Bisexuelle Frau? Geil!" "Bisexueller Mann? Unersättlich & creepy." #meQueer

Tausende Menschen auf Twitter teilen und kommentieren unter dem Hashtag. Und einige reagieren überrascht und schockiert darauf, ähnlich wie bei der Rassismusdebatte unter #MeTwo.

Ich finde es ja immer faszinierend, wie schockiert viele von dem sind, was sie unter #metoo, #metwo und #mequeer lesen, weil es ihnen noch nie so aufgefallen ist. In welcher Welt lebt ihr? Ich würde da nämlich gerne hin, scheint nett zu sein.

Ins Leben gerufen wurde das Hashtag von Harmut Schrewe, einem freien Autor aus Brandenburg lebt. Er ist 51 und seit letztem Jahr mit seinem Mann verheiratet.

Den ersten Tweet mit dem Hashtag #MeQueer schrieb er am vor wenigen Tagen am 13. August.

Mein Mann ist mein Ehemann und nicht mein Kumpel. Wann hört das endlich auf🙄😤 #Homophobie #MeQueer

Hartmut Schrewe erzählt BuzzFeed News am Telefon, dass er das Hashtag ganz bewusst initiiert habe.

„Ich war sehr dankbar für #MeToo und #MeTwo, weil ich selbst davon lernen und die Welt aus der Sicht von Menschen erleben konnte, die Diskriminierungserfahrungen gemacht haben. Und ich habe mich manchmal selbst ertappt gefühlt“, sagt Schrewe. „Das ist mein größtes Anliegen: Dass Leute merken: Da verletze ich gerade jemanden.“

Schon länger habe er überlegt, ein Hashtag für LGBT*s auf Twitter zu starten. „Ich habe mich bei dem Gedanken ertappt: Willst du jetzt öffentlich rumjammern?“, schreibt Schrewe auf Twitter.

„Dann gab es eine Situation, in der mein Mann telefoniert hat und von mir als Ehemann gesprochen hat“, erzählt er BuzzFeed News am Telefon. „Die andere Person am Telefon sprach dann über mich als „ein Kumpel“. Das war der Auslöser. Ich habe dann eine längere Tweetreihe geschrieben. Da ist mir erst klar geworden, wie viel ich verdrängt habe.“

Mit den vielen Reaktionen habe er allerdings nicht gerechnet. „Ich bin dankbar und begeistert von dem Mut der Leute, von der Vehemenz und der Offenheit. Es ist wichtig, dass sich niemand verstecken muss.“

Besonders für LGBT*s sei Twitter eine gute Möglichkeit, sich zu äußern, weil sie dort anonym bleiben könnten.

Viele Menschen sind dankbar, dass nun auch über Diskriminierung von queeren Menschen gesprochen wird.

Berührt und Nachdenklich. Danke für #MeQueer 🌈😢❤

#MeToo hat mir beigebracht, dass wir lang nicht so weit sind, wie ich als Mann dachte. #MeTwo, dass wir längst nicht so weit sind, wie ich als weißer Deutscher dachte. #MeQueer, dass wir längst nicht so weit sind, wie ich als Hetero dachte. Es tut mir leid, danke für euren Mut.

„Öffnet die Herzen.“

Schwul, hetero, bi oder was auch immer. Das alles ist Liebe und sollte als solche gefeiert werden. Liebe ist Liebe. Es läuft noch viel schief in unserer Gesellschaft. Ihr seid gut so wie ihr seid. Danke an alle, die ihre Geschichten und Erfahrungen erzählen. 🌈♥️ #MeQueer https://t.co/b7KRlSCVwB


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Senior Reporterin BuzzFeed News

Contact Juliane Loeffler at juliane.loeffler@buzzfeed.com.

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