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Deshalb berichtet BuzzFeed News verstärkt über Gewalt gegen sexuelle Minderheiten

„Ich dachte, so etwas passiert heute nicht mehr?“

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Ich bin in meinem Leben nie auf Grund meiner sexuellen Orientierung körperlich angegriffen worden. Aber es gab diese Momente, in denen ich Angst hatte oder mich geschämt habe. In denen nachts Männer kamen und fragten, ob sie „mitmachen“ dürfen. In denen mir jemand hinterhergerufen hat „Ihh, Lesben“. Die unzähligen Male, in denen es sicherer erschien, so zu tun, als sei man befreundet, statt ein Paar. Die herablassende Blicke, die entwürdigenden Sprüche.

Und ich kenne die unzähligen Erzählungen von nicht-heterosexuellen Personen, die als „Schwuchtel“ beleidigt wurden. Die mitten am Tag in der U-Bahn ins Gesicht geschlagen wurden, weil sie „schwul aussehen“. Die auf der Straße so schlimm misshandelt wurden, dass sie ein Auge verloren haben.

Diese Erzählungen schaffen ein Gefühl von Angst und Unsicherheit unter queeren Personen, weil alle bei diesen Angriffen mitgemeint sind. Weil es um systemischen Hass geht, nicht um persönlichen.

Menschen Trauern nach dem Attentat gegen den queeren Club „Pulse" in Orlando im Sommer 2016

Adam Berry / Getty Images

Menschen, die nicht selber queer sind, sind oft verwundert, wenn man ihnen von diesen Übergriffen aus dem Alltag erzählt. „Ich dachte so etwas passiert heute nicht mehr?“, sagen sie überrascht, wenn die Liste der Erfahrungen zu lang ist, um sie vollständig zu erzählen.

All dies sind persönliche Betrachtungen, die per se kein Grund für eine Recherche sind. Aber sie sind ein Hinweis darauf, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der Alltagsrealität von LGBT*s.

Als 2017 die Ehe für alle beschlossen wurde, beherrschte das Thema wenige Tag lang die mediale Debatte. Aber heiraten zu können, bedeutet nicht, sicherer in einem Land leben zu können. Und rechtliche Anerkennung von Minderheiten führt nicht automatisch zu gesellschaftlicher Anerkennung. Sie kann auch Gleichgültigkeit hervorrufen – oder im schlimmsten Fall einen Backlash.

Außerhalb von Community-Medien wird kaum oder nur punktuell über Diskriminierung und Gewalt gegen LGBT*s berichtet. Und oft wird mit Zahlen argumentiert, welche die Realität verfälschen. „Hasskriminalität gegen Schwule und Lesben nimmt zu“ schrieb Spiegel Online im August des vergangenen Jahres. Angeblich stiegen die Gewalttaten um 27 Prozent. Es ist nicht ausgeschlossen, dass anti-queere Gewalt tatsächlich zunimmt. Aber Grundlage für den Bericht waren neue Halbjahreszahlen des Bundeskriminalamtes, gestiegen von 102 auf 130 Straftaten.

Diese Zahlen haben so wenig mit der Realität zu tun, dass sie eigentlich überhaupt nicht zitiert werden sollten. Der Anstieg könnte schon dadurch erklärt werden, dass eine einzige Person in Deutschland sich entschieden hat, jedesmal wenn sie „Schwuchtel“ hört (nach deutschem Recht eine justiziable Beleidigung) zur Polizei zu gehen.

Beim Thema Gewalt gegen sexuelle Minderheiten gibt es eine Leerstelle in der Berichterstattung, in der politischen Debatte und im öffentlichen Diskurs. Auch, weil die niedrigen Zahlen verhindern, dass es ein Problembewusstsein für das Thema gibt.

Um das zu ändern, haben wir eine umfangreiche Recherche gestartet. Wir haben LGBT*s gefragt, wie viele Übergriffe sie im Alltag erleben. Mehr als 650 Personen haben innerhalb weniger Wochen einen Fragebogen von BuzzFeed News ausgefüllt. In den Antworten zeigt sich eine Masse an Hass und Gewalterfahrungen, die ein diffuses Gefühl konkretisiert: LGBT*s können in diesem Land nicht so gleichberechtigt und sicher leben, wie sie sollten.

Die Alltagsgewalt auf der Straße, in der Nachbarschaft, in der Schule – sie ist nicht die einzige diskursive Leerstelle. Es ist schwierig, differenziert die Frage von Gewalt durch Menschen mit Migrationshintergrund zu thematisieren, weil viele Aktivist*innen das Problem marginalisieren – und viele Rechte es instrumentalisieren. Oder die sexualisierte Gewalt in der Community, über die kaum jemand spricht, weil niemand als „Nestbeschmutzer“ gelten will.

Wir werden in den kommenden Wochen auf BuzzFeed News Beiträge zu diesen und anderen Themen veröffentlichen. Und freuen uns auf eure Fragen, Rückmeldungen und Informationen. Hier könnt ihr an unserer weiterhin laufenden Umfrage teilnehmen.

Wenn ihr unserer Reporterin Juliane Löffler Informationen zukommen lassen oder von euren eigenen Erfahrungen berichten möchtet, erreicht ihr sie auf Twitter, Facebook oder per Email unter: juliane.loeffler@buzzfeed.com.


Dies ist der Auftakt einer mehrteiligen Reihe zum Thema Hass und Gewalt gegen LGBT*s. In den kommenden Wochen wird BuzzFeed News mehrere Beiträge zum Thema veröffentlichen. Hier findest du den Link zu unserer Umfrage, an der du gerne anonym teilnehmen kannst.


Juliane Löffler ist Redakteurin für LGBT* und Feminismus und lebt in Berlin. Contact this reporter at Juliane.Loeffler@buzzfeed.com

Contact Juliane Loeffler at juliane.loeffler@buzzfeed.com.

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