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Welche Zukunft die Flüchtlinge in Deutschland erwartet, ist ungewiss

Die Wochen und Monate auf der Flucht haben viele so ausgelaugt, dass sie nicht mehr wissen, wie es für sie weitergeht und ob Deutschland ihre Endstation ist.

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Ein Flüchtling mit einem Kind auf dem Rücken wartet nach seiner Ankunft in München auf einen Bus.
Christof Stache/AFP / Getty Images

Ein Flüchtling mit einem Kind auf dem Rücken wartet nach seiner Ankunft in München auf einen Bus.

Als der erste Zug mit den Flüchtlingen, die tagelang an einem Budapester Bahnhof festgesteckt hatten, am frühen Samstag Nachmittag in München einrollt, gibt es keine Fanfaren und kein Fest. Ein Empfangskomitee aus Presse und Freiwilligen trifft auf viele erschöpfte Menschen.

Sie haben eine gefährlichen Flucht zu Fuß und in kleinen Booten hinter sich, die Wochen und Monate dauerte und sie durch ein halbes Dutzend Staaten führte. Nun scheinen diese letzten Tage in Ungarn den Menschen auf der Flucht viele Hoffnungen auf ein besseres Leben als Lohn für all die Strapazen genommen zu haben. Die Strapazen waren riesig.

Niemand küsst hier den Boden oder singt vor Freude. Stattdessen kommen die Menschen über den Tag verteilt an, verlassen langsam den Zug aus Ungarn und steigen in einen Zug der Deutschen Bahn, der sie erwartet.

Zwei junge Syrer, Khlaled und Iyad, die schon vor ein paar Monaten nach Deutschland gekommen sind, stehen abseits der Polizei-Absperrungen am Bahnsteig und weit weg vom Pressetrubel, der die neuen Flüchtlinge erwartet. Khaled und Iyad waren vor dem warmen Sommer gekommen, der mit seinen verhältnismäßig günstigen Bedingungen für eine lange Reise durch Europa den neuen Strom von Flüchtlingen in den letzten Wochen verstärkt hatte. Die beiden schauen mit steinernen Mienen, wie hunderte den Zug verlassen. Sie erwarten nicht, jemanden wiederzuerkennen. Aber sie sind aus Solidarität nach München gekommen. "Das ist unser Volk", sagt Iyad. "Wir mussten hierher kommen."

Nach wenigen Minuten sind die Flüchtlinge weggebracht, an einen Bahnhof, der ein paar Stationen vom Hauptbahnhof entfernt ist. Dort sollen sie an einem weniger öffentlichen Ort registriert und in Unterkünfte geschickt werden.

Ein kleiner Flüchtlings-Junge schaut nach seiner Ankunft in München aus einem Busfenster.
Christof Stache / AFP / Getty Images

Ein kleiner Flüchtlings-Junge schaut nach seiner Ankunft in München aus einem Busfenster.

Unter den Ländern Europas nimmt Deutschland derzeit die meisten Flüchtlinge aus den Krisengebieten des Nahen Ostens auf, besonders aus Syrien, wo seit vier Jahren Bürgerkrieg herrscht. Die deutsche Regierung geht davon aus, dass in diesem Jahr 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden.

Viele Flüchtlinge gehen davon aus, dass ihr Leben in Deutschland besser sein wird als in der Türkei oder Jordanien, wo manche von ihnen vorher waren. Doch vielen ist auch klar, dass längst nicht alle Deutschen offen für Flüchtlinge sind.

Den ganzen Samstag über kommen Flüchtlinge am Hauptbahnhof in München an und mischen sich unter deutsche Reisende und Ausflügler, die auch am Bahnhof eintreffen.

Die Polizei ist gut vorbereitet. Sie will nicht noch einmal so überrascht werden wie wenige Tage zuvor, als 2.000 Menschen auf einmal ankamen und niemand so recht darauf vorbereitet war. Diesen Samstag weiß die Polizei, auf welche Züge sie achten muss. Die Beamten bringen die, die keine offiziellen Papiere haben, hinter eine Absperrung am Ende des Bahnsteigs.

"So geht das hier die ganze Woche", sagt ein Münchner Polizist, der nicht namentlich genannt werden möchte. "Wir haben einen Plan, wie wir weitermachen und wo wir alle hinbringen, aber es wird immer schwieriger. Wir wissen nicht mehr, wo wir alle unterbringen sollen."

"Lassen Sie uns aus München raus?", fragt eine junge kurdische Frau. Ihre Mutter und sie wurden hinter die Absperrung auf Bahnsteig 11 gebracht und sollen dort warten. Ihre Mutter, in einem karierten Wollrock und einem Kopftuch, schimpft leise vor sich hin, nachdem ein Polizist ihr verbietet, sich auf den Boden zu setzen und an eine Wand anzulehnen. Die junge Frau lächelt und führt ihre Mutter zu einem Stapel Taschen, damit sie sich dort hinsetzen kann. "Sie hat auf Kurdisch über Sie geschimpft", sagt sie lachend zu dem Polizisten. Dann wiederholt sie ihre Frage: "Können wir München verlassen?"

Die Antwort ist unklar, genauso wie die Zukunft der vielen neu Angekommenen. Die Unsicherheit hängt bleiern schwer über der Atmosphäre dieses Tages in München. Wie sieht es mit dem rechtlichen Status der Menschen aus? Werden sie hier arbeiten dürfen und auch Arbeit finden? Werden sie die Sprache lernen können? Ein neues Leben beginnen?

Viele derjenigen, die an diesem Tag ankommen, wollen die Antwort auf diese Fragen auf später verschieben und sie an einem anderen Ort finden. Doch ob sie weiterfahren können, ist nicht klar.

"Ich will nach Schweden", sagt der 19-jährige Syrer, der ursprünglich aus Palästina stammt und sagt, sein Name sei Homan. Ein Polizist registriert diese Worte stirnrunzelnd. Homan ist staatenlos. Er hatte nicht einmal die syrische Staatsbürgerschaft, als er 2013 aus dem Yarmouk-Flüchtlingslager nahe Damaskus vor dem Krieg flüchtete. Er sagt, er habe anderthalb Jahre im Gefängnis in Syrien gesessen und habe danach Gelegenheitsjobs auf dem Land in der Türkei gemacht.

Jetzt steht er hier, angezogen in einem roten Hoodie und einer knallgrünen engen Jeans. Und er ist entschlossen, seinen Bruder in Schweden zu finden. Es ist ihm egal, ob europäische Grenzen und Gesetze ihn daran hindern wollen. "Es ist mir egal, was mir irgendjemand sagt. Irgendetwas unterschreiben oder meine Fingerabdrücke hinterlassen – das mache ich nicht", sagt er. "Ich habe so viel durchgemacht. Alles war schlimmer als das hier. Was kann mir schon hier in Deutschland passieren?"

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