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Updated on 17. Jan. 2020. Posted on 17. Jan. 2020

Diese Pflegerin bekommt eine Entschuldigung von ihrer Berufsgenossenschaft – und muss trotzdem weiter kämpfen

Nach einer Recherche von BuzzFeed News soll eine Pflegerin jetzt für ihre Rückenprobleme entschädigt werden.

Charlotte Schmitz / BuzzFeed News

Jetzt, wo eigentlich alles längst vorbei, der Kampf zu Ende und die Entschädigung genehmigt sein sollte, steht Andrea Heider noch immer ohne Rente da. Andrea Heider ist Krankenpflegerin und leidet an starken Rückenschmerzen. Nach mehreren Bandscheibenvorfällen muss sie Morphin nehmen, um überhaupt durch den Tag zu kommen.

Mehr als fünf Jahren lang hat Heider darum gekämpft, dass ihre Schmerzen als Berufskrankheit anerkannt werden. „Am schlimmsten ist es gewesen, Patienten zu lagern, zu heben, zu drehen. Teilweise mussten wir sie sogar vom OP-Tisch tragen, noch halb narkotisiert“, sagt Heider. „Oder nach einem Kaiserschnitt: Einer hat sie hochgehoben, der andere hat den Bauch gewickelt. Das sind Kräfte, die auf einen wirken, das ist irre.“ Vor wenigen Monaten war Andrea Heider erfolgreich. Und doch ist ihr Kampf noch nicht zu Ende.

Lange hatte die zuständige Berufsgenossenschaft für Gesundheits- und Wohlfahrtspflege BGW die Anerkennung ihrer Berufskrankheit komplett abgelehnt. Zuletzt hatte ein Gutachter behauptet, dass sie angeblich die Bedingungen für eine Berufskrankheit nicht erfüllt – und ihr damit weder eine Entschädigung, noch die Erstattung von Rezeptgebühren, Arzt- sowie Fahrtkosten zusteht.

Nachdem BuzzFeed News Deutschland und ZDFzoom vergangenes Jahr über ihren Kampf um Entschädigung berichtet hatten, passierte etwas Überraschendes: Die Berufsgenossenschaft entschuldigte sich. Und erkannte Heiders Berufskrankheit an.

Doch ob Andrea Heider nun auch eine Rente bekommt und damit finanziell entschädigt wird, ist trotzdem unklar. Heider rechnet nach Gesprächen mit Experten zwar mit einer Rente von bis zu 700 Euro im Monat, bis an ihr Lebensende – und einer Nachzahlung von knapp 40.000 Euro für die vergangenen fünf Jahre. Doch wenn die sogenannte Minderung der Erwerbsfähigkeit für sie sehr niedrig eingestuft wird, kann es auch sein, dass sie überhaupt kein Geld erhält.

Jedes Jahr beantragen rund 80.000 Menschen eine Berufskrankheit, aber nur jede vierte Anzeige führt zu einer Entschädigung. Der Kampf mit den Berufsgenossenschaften frustriert viele, die sich oft fast ihr ganzes Leben für den Beruf aufgeopfert haben – und sich jetzt, wo sie krank geworden sind, ausgebeutet fühlen. Dabei sollen die Berufsgenossenschaften eigentlich kranken Arbeitern helfen. Fast jeder Deutsche ist hier gegen Unfälle und Krankheiten bei der Arbeit versichert.

Andrea Heiders Fall zeigt, wie schwer es Menschen in Deutschland gemacht wird, für ihre durch die Arbeit erlittenen Erkrankungen entschädigt zu werden. Und wie hart die Bandagen der Berufsgenossenschaften werden können, wenn es bei einer Entschädigung um viel Geld geht.

Viele Hürden – und abhängige Gutachter

Eine mehrjährige Recherche von BuzzFeed News Deutschland und ZDFzoom hatte Anfang vergangenen Jahres die Schwächen im System der Berufsgenossenschaften aufgezeigt. Es gibt für Betroffene viele bürokratische Hürden. Oft fehlen ihnen Belege, dass tatsächlich die Belastungen bei der Arbeit sie krank gemacht haben. Häufig sind Gutachter von den Berufsgenossenschaften abhängig. Und es gibt zu wenig unabhängige Beratung. Die Probleme sind seit Jahren bekannt. Trotzdem hat das Arbeitsministerium lange nichts getan.

Andrea Heider berichtete uns schon vor einem Jahr, wie sie an der Bürokratie der zuständigen Berufsgenossenschaft BGW verzweifelt. „Man hört teilweise von denen gar nichts. Man fragt nach: Was passiert denn jetzt? Dann muss man da 100.000 Formulare ausfüllen.“ Eine Entschädigung hatte die Berufsgenossenschaft zunächst abgelehnt.

Screenshot BuzzFeed News

Nach der Berichterstattung sah es dann zunächst so aus, als würde sich alles zum Besseren wenden: Nach der Veröffentlichung „hat die BGW fast wöchentlich angerufen, manchmal sogar täglich.“ Eine neue Sachbearbeiterin sei nun für sie zuständig gewesen, sagt Heider.

Und: Nach der Veröffentlichung nahm sich Albert Nienhaus den Fall von Andrea Heider nochmal neu vor. Nienhaus ist Professor am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg und forscht seit Jahrzehnten zu beruflichen Krankheiten, zum Beispiel von Pflegerinnen. Die BGW bezahlt seine Professur. „Das Traurige ist, dass es keine zwei Minuten gedauert hat, bis ich wusste, dass die Entscheidung falsch war“, sagt Albert Nienhaus.

„Dafür muss ich mich entschuldigen“

Nienhaus bedauert, dass die BGW Andrea Heider so lange hingehalten hat. „Dafür muss ich mich eigentlich im Namen der BGW entschuldigen“, sagt Nienhaus. „Und am Ende des Prozesses war die Entscheidung auch noch falsch. Ein Fall, wo man sagen muss: Traurig, dass es so gelaufen ist.“

Albert Nienhaus arbeitet seit Jahren daran, die Beurteilungen bei der BGW fairer zu machen. Er weiß, dass bislang viele Betroffene zu Unrecht abgelehnt wurden. Auch Andrea Heider. Das liegt häufig daran, dass die Gutachter nicht neutral begutachten und sich im Zweifel auf die Seite der Berufsgenossenschaft stellen. Denn die Berufsgenossenschaften sind oft die größten Auftraggeber der Gutachter.

„Bei diesen Gutachtern hat man nicht das Gefühl, dass die vorurteilsfrei an die Begutachtung herangehen“, sagt Nienhaus. Stattdessen hätten viele Gutachter eine eigene Meinung davon, was auf die Liste von Berufskrankheiten gehöre. „Und deshalb begutachten sie im Prinzip so, dass sie am Ende immer zu einer Ablehnung kommen.“

Es fehle an unabhängigen Gutachtern, da die Bezahlung für aufwändige Gutachten nicht ausreichend sei. Richtig lohnen würde sich das nur für Gutachterbüros, die viele Gutachten machen, sagt Nienhaus. „Da von Unabhängigkeit zu sprechen, ist zweifelhaft, weil die ja davon leben, dass sie von den Berufsgenossenschaften beauftragt werden.“

Ein Gutachteninstitut mit fehlerhaftem Gutachten?

Das Gutachten im Fall von Andrea Heider hatte das Medizinische Gutachteninstitut MGI angefertigt, mit Standorten in Hamburg, Rostock, Berlin, Hannover und Bremen. Die dortigen Gutachter haben sich auf die Erstellung von Gutachten für Einrichtungen wie die Berufsgenossenschaft spezialisiert. Der zuständige Gutachter Ulf Thiebe wollte sich auf Anfrage weder zum Gutachten äußern, noch zu der Kritik durch BGW-Professor Albert Nienhaus.

Charlotte Schmitz / BuzzFeed News

Durch Zufall erfährt Andrea Heider (61) von der Beratungsstelle „Arbeit und Gesundheit“ in Hamburg. Die hilft ihr jetzt durch das komplizierte Verfahren.

Die Berufsgenossenschaft will nun ein neues Gutachten in Auftrag geben, um zu klären, wie hoch Andrea Heiders Rente sein muss. Heider hat darum gebeten, die Fragen an die neue Gutachter*in vorab zu bekommen. Sie will prüfen, ob es in dem neuen Gutachten wirklich nur um die Schwere der Krankheit gehen soll – oder ob nicht doch noch durch die Hintertür versucht wird, ihr die Berufskrankheit wieder abzuerkennen. Sie ist nach all den Jahren misstrauisch. Bisher hat ihr die Berufsgenossenschaft die Fragen nicht zugesandt, trotz mehrfacher Nachfrage und verstrichener Frist. Wann es weiter geht und wer sie jetzt zu welchen Fragen genau begutachten soll, ist bisher noch offen.

Andrea Heider setzt das ständige Auf und Ab so zu, dass sie Ende vergangenen Jahres auch psychisch erkrankt: Depressionen. „Das kostet alles so viel Kraft, Nerven und Zeit“, sagt Heider. Und sie fragt sich, was mit den zehntausenden Menschen passiert, die jedes Jahr erfolglos einen Antrag auf Entschädigung stellen, über die aber niemand berichtet.

Andrea Heider hat sich jetzt eine Ausgabe des Sozialgesetzbuches VII gekauft, das auch das Berufskrankheitenrecht enthält. Sie sagt: „Ich traue niemandem mehr.“


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Daniel Drepper ist Chefredakteur von BuzzFeed News Deutschland. Für seine Recherchen erhielt unter anderem den Wächterpreis, den Axel-Springer-Preis und den Ernst-Schneider-Preis. Kontakt: daniel.drepper@buzzfeed.com.

Contact Daniel Drepper at daniel.drepper@buzzfeed.com.

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