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Posted on 6. Dez. 2015

Mein Leben mit Zwangsstörungen

So ist das Leben mit einem unerwünschten Begleiter.

29 Pumpstöße aus dem Seifenspender, bevor ich endlich ins Bett kann. Sieben, Wasserhahn zu. Wieder sieben, Hahn wieder zu. Ich gehe kurz in mein Schlafzimmer. Zurück ins Badezimmer. Noch mal sieben, Hahn zu. Ein einzelner Pumpstoß. Und dann wieder sieben. Beim dritten Mal Händewaschen wasche ich etwas länger und schrubbe etwas mehr, als bei den anderen.

Wenn ich dann endlich im Bett liege, hoffe ich nur, dass ich nicht wieder aufstehen muss, weil ich Albträume habe, die mich wieder zum Duschen zwingen oder dazu, meine Bettwäsche zu waschen.

Jemanden zu erklären, wie ich mein Leben mit einer Zwangsstörung führe, fällt mir schwer. Ich weiß nämlich nicht, wie es ist, ohne sie zu leben. Ich weiß nicht, wie andere Leute es schaffen, ihren Tag abzuschließen, ohne direkt nach der Arbeit geduscht zu haben. Ohne sich die Hände dutzende Male gewaschen oder Dinge von einer imaginären To Do-List gestrichen zu haben, und das ausnahmslos jeden einzelnen Tag.

Alles begann in meiner Kindheit

Der Waschzwang begleitet mich nicht mein ganzes Leben, aber wenn ich zurückschaue, hatte ich schon immer merkwürdige Angewohnheiten, wie zum Beispiel alle 10 Minuten aufstehen zu müssen oder nachts stundenlang im Flur zu stehen, weil ich nicht wusste, wohin. Als Kind hatte ich keine Ahnung, dass sich meine Marotten in etwas Schwerwiegenderes entwickeln könnten oder dass ich anders war als andere Kinder, denn ich hatte niemanden, mit dem ich mich vergleichen konnte. Bis ich sechs Jahre alt war und in die Schule kam, hatte ich mit niemandem so richtig Kontakt außer meinen nächsten Verwandten. Und davon gab es nur vier.

Als Kind ahnte ich außerdem nicht, dass es eine andere Art des Aufwachsens hätte geben können. Ich begriff erst mit 20, dass es nicht okay war, von meinen Eltern ständig zu hören, dass etwas mit mir nicht stimmt. Dass ihr "Klaps" hier und da nicht okay war oder mir ein Bein zu stellen, weil ich herumlief und sie damit nervte. Ich lernte erst als Erwachsene, dass es nicht meine Schuld war, dass mir diese Dinge passierten und ich nicht war wie andere Kinder.

Gehen wir zurück ins Jahr 1993, als ich gerade in die 2. Klasse kam. Ich war eine Einzelgängerin und hatte das Gefühl, meine Mitschüler mochten mich nicht sonderlich. Ich war nie mit ihnen im Kindergarten gewesen und hatte auch nichts mit Nachbarskindern zu tun gehabt, denn mit ihren Familien wollten meine Eltern nichts zu tun haben. Als meine Mitschüler Freundschaften im Kindergarten geschlossen hatten, hatte ich zuhause gesessen. Meine Eltern hatten damals keinen Kindergartenplatz für mich gefunden. Wir wohnten im Zentrum unseres Heimatorts, ohne Spielplatz in der Nähe. Meine Mutter war zwar zu Hause, hatte aber keine Zeit, mit mir zu spielen, weil sie von zuhause arbeitete.

In meiner Erinnerung blieb ich bis zur Schule also ziemlich alleine. Als ich dann in die 1. Klasse kam, hatte ich keine Ahnung, wie ich mit Gleichaltrigen umgehen sollte. Es half auch nicht, dass ich mir in den unendlichen Stunden in meinem kleinen Kinderzimmer lesen und rechnen mit Hilfe von Bussi Bär und Co selbst beigebracht hatte. Ich hatte den anderen Kindern Wissen voraus, aber das machte mich nicht zum Vorbild, sondern zur Außenseiterin. Dazu trug bei, dass ich Kleidung trug, die nicht in Mode war und mich fett und hässlich fühlte.

Charlotte Gomez / BuzzFeed

Eine Entscheidung meiner Eltern hatte Folgen für mein ganzes Leben

Das alles wäre nur halb so schlimm gewesen. Aber es gab einen Umstand, der mir meine Schulzeit zusätzlich schwer machte: Meine Eltern verboten mir, mehr als zwei Mal pro Woche zu duschen. Der Grund war das Geld. Wir wohnten in einer Altbauwohnung, in der warmes Wasser in einem elektrischen Boiler erhitzt werden musste. Der schluckte Strom und deswegen musste eine Boilerfüllung für drei Leute reichen.

Ich wurde also neben meinem Gewicht, der Tatsache, dass ich eine "Streberin" war und meinen Klamotten auch dafür gehänselt, dass ich nicht so sauber war wie die anderen Kinder. Wie das eine Mal, als mich ein Kind fragte, ob ich Gel in meinen Haaren hätte, oder ob sie einfach fettig wären. Oder als die hübschen, beliebten Mädchen im Sportunterricht hinter mir standen, an meiner Achsel rochen und taten, als müssten sie würgen."Die stinkt!", riefen sie und ich schämte mich in Grund und Boden. Damals war ich 12 und noch ein Mädchen. Ich trug T-Shirts mit Teddybären, aber die Pubertät war nicht weit. Die Sprüche, die mich damals verletzten, prägten meine gesamte Jugend und hängen mir bis heute nach. Aber das ahnte ich damals noch nicht.

Es gibt diesen Spruch: "Wenn Du Dich auf jemanden verlässt, dann bist Du verlassen" und auf meine Kindheit bezogen stimmt er zu hundert Prozent. Seit ich sieben war, war ich nachmittags alleine, weil meine Mutter nicht mehr zu Hause arbeitete. So wurde der Fernseher zu meinem Babysitter. Meine Tage liefen immer gleich ab: Ich ging zur Schule, nachmittags nach Hause, aß Nutellabrote und guckte Fernsehen. Ich war das wohlerzogendste Kind der Welt, weil ich Angst hatte, von meinen Eltern ausgeschimpft zu werden. Das passierte bei den kleinsten Anlässen, zum Beispiel, wenn ich krümelte, meine Legosteine in Unordnung brachte oder zu laut lachte. Die Folge war, dass ich es vermied, anzuecken. Dazu zählte für mich auch, erwischt zu werden, wie ich heimlich duschte.

Trost bei Freunden fand ich auch nicht. Es gab zwar Kinder, die ich als Freunde bezeichnete, doch sie waren keine Verbündeten. Sie gaben mir das Gefühl, mich höchstens in ihrer Nähe zu dulden. Aber das genügte mir. Ich fing an, zu allem einfach "ja okay" oder "ist schon okay" zu sagen, auch wenn sie gemein zu mir waren und gar nichts okay war. Hauptsache, ich war nicht alleine.

Einmal verletzte ich mir beim Weitsprung die Kapsel im Fußgelenk. Während ich zum Arzt humpelte, hörte ich, wie ein Mitschüler erstmal über meine dreckige Socke herzog. Wenn ich statt Mitgefühl sowieso nur Spott ernten würde, wäre es besser, die schlimmen Sachen in meinem Leben ganz zu verstecken, dachte ich damals. Und diese Lektion sitzt bis heute tief.

Von einer Gewohnheit zum Zwang

Als Teenie entdeckte ich meine Liebe für Indie Rock und tauchte von da an jeden Tag in Cordblazern in der Schule auf. Ich hatte bei meinen Eltern dafür gekämpft, dass ich mir immerhin jeden Tag die Haare waschen durfte. Dadurch erlebte ich zwar weniger Mobbing, aber ich hatte immer noch Probleme damit, ein Mädchen zu sein. Mein Gefühl war, dass ich ständig unter Beobachtung stand und kommentiert wurde. Sowohl von meiner Familie, als auch in der Schule. Wenn ich mir einen Zopf flocht, gab es eine sarkastischen Bemerkung. Wenn ich ein Kleid oder Röcke tragen wollte, hörte ich, ich sei zu fett dafür.

Irgendwann damals in der Pubertät gewöhnte ich mir an, mir oft die Hände zu waschen. Natürlich wurde auch das kommentiert. Meine Eltern sagten, es sei ein Zwang. Dieses Wort wollte ich nicht hören, denn es bedeutete mehr Angriffsfläche für Beleidigungen und Mobbing. Also verheimlichte ich, was ich machte.

Noch bevor ich auszog, fing ich an, mir heimlich öfter die Hände zu waschen. Und ich war trickreich genug, dass ich manchmal sogar heimlich duschen konnte. Langsam aber sicher wurde der Zwang mächtiger als meine Entscheidung dagegen. Wie genau, kann ich nicht sagen.

Mit 19, direkt nach dem Abitur, zog ich von zu Hause aus und ich dachte, nun würde alles besser werden. Aber ich zog von einer Hölle in eine andere. In meiner Wohngemeinschaft fühlte ich mich von meinen Mitbewohnern gemobbt. Sie kritisierten, was ich machte oder nicht machte und irgendwann traute ich mich nicht mehr aus meinem Zimmer, wenn sie in der Wohnung waren.

Ich fing an zu Duschen, wann immer es ging. Niemals lange, aber manchmal fünf oder sechs Mal am Tag. Ich nutzt jede Gelegenheit, mir die Hände zu waschen. Mein Stundenplan unterschied sich komplett von dem meiner Mitbewohner, so dass ich es vor ihnen verstecken konnte. Jede Nacht wenn ich ins Bett wollte, stand ich auf, um mir wieder die Hände zu waschen, nur weil ich an eine "schlechte Sache" gedacht hatte, wobei das irgendwann schon der Gedanke an meine Mitbewohner war. Manchmal brauchte ich 25 Anläufe, um endlich schlafen zu gehen und ich stand bis 4 Uhr morgens vor dem Waschbecken und zählte, wie oft ich mir die Hände wusch. Zehn Mal, zwanzig Mal, einhundert Mal, dreihundert Mal. Jede Woche verbrauchte ich bis zu 10 Packungen Handseife. Ich hasste mich.

In dieser Zeit begann ich kurz, mich selbst zu verletzen. Ich wollte mich dafür bestrafen, dass ich mich so idiotisch verhielt und dafür sorgen, dass irgendjemand merken würde, wie schlecht es mir ging. Aber niemand hörte diesen Hilferuf.

Ich versuchte ihn anders zu formulieren und rief in einer Klinik an, um zu fragen, ob ich vorbeikommen könnte. Die Antwort, sinngemäß: Ob ich ein Fall für die Klinik sei, entscheiden die Ärzte und nicht ich. Mir kam dieser Satz so höhnisch vor, dass ich weinend auflegte. Dann ging ich duschen.

In meinen letzten beiden Semestern fing ich mit Joggen an, weil ein Bekannter von mir jetzt auch joggte und ich dachte "wenn er das kann, kann ich das auch". Ich verlor plötzlich Gewicht. Ich lief zunächst nur drei Mal die Woche und nicht länger als zwei Kilometer, aber angesichts dessen, dass ich als vorher keine 200 Meter laufen konnte, ohne aus der Puste zu sein, war das eine große Sache für mich. Ganz schnell wurde aber auch das Joggen zum Zwang. Ich musste jeden Tag raus, auch wenn es mir scheiße ging. Ich fing an zu Kontrollieren, was ich aß. Nicht wie viel, aber was. Statt einzukaufen, wonach mir war, stand ich minutenlang wie gelähmt im Supermarkt, nahm Sachen aus dem Regal, nur um sie fünf Minuten später wieder zurückzulegen.

Irgendwie schaffte ich trotzdem, meinen Master-Abschluss zu machen, noch dazu mit einer sehr guten Note. Ich fand innerhalb von drei Monaten einen Job und zog ans andere Ende von Deutschland. All das muss von außen ausgesehen haben, als bekäme ich mein Leben auf die Reihe. Genau deswegen sah niemand, wie sehr ich Hilfe gebraucht hätte.

2011 milderte sich mein Waschzwang schlagartig. Der Grund war einfach: Ich lebte endlich alleine, konnte mich in meiner Wohnung frei bewegen und hatte keine Angst mehr vor meiner direkten Umgebung. Die Arbeit beschäftigte mein Gehirn, so dass ich nicht so viel über meine Probleme nachdenken konnte und ich verdiente genug, dass ich mir nicht dauernd Sorgen machen musste. Mein Leben schien endlich okay zu sein.

Für vier Monate zumindest. Dann wurde mein Arbeitsplatz zum Problem. Ich arbeitete in einem Online-Versandhandel. Abgesehen von ein paar netten Kollegen hatte ich das Gefühl, dass mich alle anderen nur als Konkurrentin sahen. Ich fühlte einen riesigen Druck auf mir lasten und ich brach zusammen, als mein Manager mir in meinem Jahresgespräch ungefiltert vorlas, was Kollegen anonym über mich gesagt hatten. "Ich dachte nicht, dass Dein Charakter zu so einem Problem werden würde", sagte er. Dann lachte er und meinte, er hätte wohl Taschentücher mitbringen sollen. Er stand auf und wir liefen durch zwei Großraumbüros. Ich war in Tränen aufgelöst. In dem Moment, als er in seinem Büro verschwand, rannte ich aufs Klo. Noch mehr weinen, Hände waschen und versuchen, den Tag zu überstehen.

Ich fühlte mich wie damals in meiner Wohngemeinschaft: Innerlich gebrochen. Ich kam nach Hause und lag stundenlang heulend auf dem Boden. Ich duschte und musste mir beim kleinsten Gedanken an meinen Chef wieder die Hände waschen. Am nächsten Morgen, einem Samstag, rief ich eine Kollegin an, die mich in die Notaufnahme fuhr. Sie war so ziemlich die erste gewesen, die mir zugehört hatte und verstand, wie schlecht es mir ging. Ich sprach in der Klinik 10 Minuten mit einem Arzt, bis er mir drei große Pillen in die Hand drückte. "Wenn es Ihnen wieder so schlecht geht, nehmen Sie eine. Sie schlafen dann innerhalb von 15 Minuten ein und auch 10 Stunden durch". Von da an trug ich diese Tablette jeden Tag bei mir.

Er überwies mich zu einem Psychiater und einem Psychologen. Der Psychologe stellte fest, dass ich Depressionen habe und etwas namens Magisches Denken. Das führt dazu, dass ich es mir verbiete, bestimmte Dinge zu essen, zu machen oder zu denken, weil ich denke, dass es Unglück bringen könnte.

Der Psychiater sprach fünf Minuten mit mir und verschrieb mir kleine, rosa Pillen, die ich von da an jeden Tag einnahm. Ich merkte, wie meine Emotionen runtergedimmt wurden - Glück und Leid gleichermaßen. Aber ich musste mir immer noch die Hände waschen, so sehr, dass sie im Winter in der kalten, trockenenen Luft höllisch schmerzten. Ich hatte offene Wunden, die bluteten. Eincremen ging nicht, da sie dann wieder "schmutzig" geworden wären. Manchmal trug ich an den ganzen Händen Pflaster. Ich hatte immer Ausreden parat, warum das so war. Obwohl ich nicht das Gefühl hatte, dass es mir besser ging, nahm ich die Tabletten trotzdem weiter. Bis zu dem einen Morgen, an dem ich sie vergaß und Panik bekam, dass mein Tag nun furchtbar werden würde. Ich bekam Angst, nicht mehr ohne die rose Pillen leben zu können und setzte sie ab. Es war eine Erleichterung wieder mehr zu fühlen, auch wenn es bedeutete, dass ich wieder mehr weinte.

Zu dieser Zeit verfestigte sich auch die Routine, die ich bis heute beibehalten habe. Ich komme nach Hause, dusche sofort (vorher erlaube ich mir nicht einmal, auf der Couch zu sitzen), wasche alles, was ich getragen habe – manchmal auch meine Schuhe – in der Waschmaschine und dusche vor dem Schlafen gehen nochmal. Am Ende meines Tages stehen die 29 Pumpstöße des Seifenspenders, dann schlafe ich. Morgens kann ich damit leben, mir nur die Haare zu waschen. Außer, ich hatte einen Albtraum.

Charlotte Gomez / BuzzFeed

Ein Neuanfang in alten Routinen

Als ich es in der Arbeit nicht mehr aushielt und mir wieder nur ein befristeter Vertrag angeboten wurde, zog ich die Reißleine. Ich weiß bis heute nicht, woher ich den Mut nahm, aber ich ging ins Büro meines Chefs und sagte: "Ich bin lieber arbeitslos, als dass ich das noch länger mache". Ich zog den letzten Monat durch und am ersten Tag meiner Arbeitslosigkeit fühlte ich mich erleichtert wie selten zuvor.

Ich beschloss, mir einen Monat frei zu nehmen und nur das zu machen, was mir gut tat. Nicht so viel nachzudenken. Nach und nach konnte ich schneller einschlafen. Ich stand nur noch vier oder fünf Mal und nicht 25 Mal auf, nachdem ich schon im Bett war. Meine Zwangsstörung besserte sich wieder. Aber das war nicht von Dauer.

Um Arbeitslosengeld zu erhalten, musste ich einen Kurs des Job Centers besuchen. Eigentlich sollte es darum gehen, wie ich einen Job finden könnte, aber manchmal sprachen wir über Dinge, über die ich nicht sprechen wollte. Als ein ein anderer Kursteilnehmer sagte: "Ich dachte immer, mir geht's scheiße, aber wenn ich deine Story höre, dann geht's mir besser", fühlte ich mich furchtbar. Das Weinen und die Zwangsstörung wurden wieder schlimmer.

Monatelang suchte ich neue Arbeit, aber ich erhielt nur Absagen. Ich sei zu jung oder zu gut qualifiziert, hörte ich. Oder, dass mich in dem Job als Frau niemand ernst nehmen würde. Mein Arbeitslosengeld reichte gerade noch, um die Miete und laufenden Kosten zu decken und ich gab viel für Seife und Putzmittel aus, weil meine Störung danach verlangte. Ich fühlte mich von der Welt alleine gelassen. Das änderte sich auch nicht, als meine Eltern anriefen. Sie sagten, ich sei arrogant, selbst schuld an meinem Zustand und eine schreckliche Tochter. Das war der Tropfen, der das Faß zum überlaufen brachte. Ich legte auf und brach ab diesem Gespräch den Kontakt zu ihnen ab.

Alle zwei Wochen musste ich mit jemandem im Job Center darüber reden, wie es mir ging. Ich wollte das nicht - einer fremden Person so persönliche Dinge erzählen. Aber wenn ich mich weigerte, bohrte sie weiter und wühlte den Mist in mir wieder auf. Ich hatte den Eindruck, es wurde mit jedem Mal schwerer. Einmal, als ich abgehetzt und verschwitzt zum Termin kam, weil ich die Bahn verpasst hatte, sagte meine Sachbearbeiterin: "Wenn Sie so beim Vorstellungsgespräch auftauchen, nimmt sie ja keiner". Ich fing an zu weinen und versuchte, mich zu erklären. Als ich wieder zuhause war, warf ich die Klamotten, die ich trug, weg und duschte.

Zwei Wochen bevor ich Hartz 4 hätte beantragen müssen, fand ich einen neuen Job. Eine Weile ging es ganz gut, aber dann wurde ich am letzten Tag meiner Probezeit gekündigt, weil ich zu viele Fehler machte. Unter Fehlern verstand mein Chef Tippfehler. Er gab mit eine Gnadenfirst von vier Monaten. Ich machte weniger Fehler und durfte bleiben. "Siehst Du, hat doch was geholfen" hieß es. Als ich weinte und frage, ob er sich vorstellen könne wie es ist, vor jedem kleinen Fehler Angst zu haben, kam keine Antwort.

Von der Vergangenheit eingeholt

Ich versuchte, einfach nur meine Arbeit zu machen und nicht mehr aufzufallen. Das funktionierte, bis meine Vergangenheit mich einholte. Meine Vorgesetzten fanden meinen anonymen Tumblr. Dort schreibe ich über meine Zwangsstörungen und Depressionen. Ich habe keine Ahnung, warum, aber meine Chefs wollten, dass ich bestimmte Posts lösche. Nachdem ich das gemacht hatte, ging es aber weiter. Ich erhielt einen Brief, in dem stand, eine Depression würde dazu führen, dass ich schlecht arbeitete. Wenn ich keine Therapie machen würde, würden sie mir kündigen. Ich glaube, diese Drohung hatte etwas damit zu tun, dass mein Line Manager ein Ego größer als das von Kanye hatte und nicht damit umgehen konnte, dass ich manchmal einfach recht hatte und er nicht. Aber ich folgte der Anweisung und suchte mir wieder eine Therapeutin.

Bei der ersten Sitzung sollte ich ihr erzählen, wie es mir ging. Nachdem ich ihr meine Geschichte erzählt hatte, sagte sie: "Ich bin erstaunt, dass sie noch leben". Beim zweiten Termin ging es darum, warum ich so allein bin oder mich so alleine fühle. "Wenn Sie die Haare mal offen tragen würden und etwas mehr Make Up auflegen finden sie sicherlich einen Freund", sagte sie. Ich ging nie wieder zu ihr.

Wenig später wurde ich fristlos gekündigt. Ich durfte mich von niemandem verabschieden oder sagen, dass ich nicht wiederkommen würde. Auf dem Weg nach Hause kaufte ich Putzmittel und Desinfektionsspray und machte meine Wohnung sauber. Noch am selben Abend stellte ich alle Klamotten, die ich je auf der Arbeit getragen hatte, auf eBay oder schmiss sie weg. Sogar die Ankle boots, die ich so sehr liebte - ich konnte sie nicht mehr tragen. Am nächsten Morgen war ich erleichtert, dort nie wieder hin zu müssen. Aber ich hatte auch unglaubliche Angst, keinen neuen Job zu finden.

Meine Ersparnisse waren innerhalb von drei Monaten so gut wie aufgebraucht und ich steckte in einem Teufelskreis, denn ich gab immer noch viel zu viel Geld für Seife und Putzsachen aus. Ich konnte einfach nicht damit aufhören. Inzwischen bekam ich jeden Tag eine Postkarte von meinen Eltern, die mir sagte, was für ein schlechter Mensch ich sei. Jedes Mal musste ich sofort danach sofort duschen und meine Kleidung waschen.

Ein Lichtblick in diesem Tal war meine Routine, Joggen zu gehen. Doch meine Strecken wurden immer einsamer. Auslöser war eine Begegnung an einer Ampel gewesen: Ich hatte ein Laufshirt in neongelb getragen und von der anderen Seite hatten mich zwei Männer verspottet: "Was ist das für ein grünes Monster? Ist es ein Mann, eine Frau, man weiß es nicht!" Ich trug das T-Shirt nie wieder und änderte meine Route. Heute schminke ich mich, bevor ich laufen gehe.

Alles in allem fühlte ich mich damals wieder wie in der Falle. Ich wusch mir wieder häufiger und länger die Hände. Ich hatte Angst davor, den Briefkasten zu öffnen und machte nicht mehr auf, wenn es an der Tür klingelte.

Charlotte Gomez / BuzzFeed

Neustart

Irgendwann dachte ich, dass die beste Antwort auf meine Probleme wäre, noch einmal in einer anderen Stadt neu anzufangen, auch wenn dies viel Kraft kosten würde. Ich wollte mir selbst helfen und mich aus meiner Falle befreien. Nach dutzenden Bewerbungen, die ins Nichts geführt hatten, legte ich mein letztes bisschen Hoffnung in ein letztes Schreiben.

Es klappte.

Ich packte meine Sachen und zog in eine andere Ecke von Deutschland. Ich gab niemandem aus meinem alten Leben meine neue Adresse. Ich verkaufte meine Möbel und alles, was mich an die Scheiß-Zeit erinnerte. Ich fing neu an.

Heute wasche ich immer noch viel zu oft meine Hände und dusche meistens mindestens zweimal täglich. Aber es gibt Tage, da dusche ich nur einmal. Und irgendwann wird mein Verstand über meine Ängste siegen. Irgendwann werde ich mir erlauben, an die Tür zu gehen, auch wenn ich nicht weiß, wer geklingelt hat. Irgendwann werde ich nicht mehr glauben, dass mein Unglück daran gekoppelt ist, irgendetwas bestimmtes zu essen oder zu machen. Irgendwann wird die Logik über das Magische Denken siegen.

Derzeit denke ich, dass ich keine Therapie schaffe, da ich immer, wenn ich über diese Dinge rede, sofort duschen will. Aber das ist okay.

Es ist okay, weil ich mich daran gewöhnt habe. Ich kontrolliere mich besser. Zählen hilft. Ich wasche keine 300 Mal, sondern 29 Mal. Und tagsüber manchmal nur sieben Mal. Was für andere verrückt klingt, ist für mich okay, denn ich weiß, dass es schon viel schlimmer war. Wenn ich nachts im Bett liege und wieder an all die "schlechten Dinge" denken muss, dann lenke ich mich ab, lese Sachen im Internet, die mich aufheitern und zwinge mich dazu, einfach liegen zu bleiben. Ich stehe nur auf, wenn ich merke, dass ich einfach nicht mehr einschlafen kann.

Ich lasse mich öfter aus dem Alltag zerren. Jede Ablenkung von zu viel Nachdenken ist gute Ablenkung. Viele Erinnerungen verblassen nach und nach und das hilft. Ich gehe offener damit um, wie es mir geht. Ich versuche Leuten zu erklären, was nicht gut für mich ist und bitte sie um Verständnis.

Ich schaffe es innerhalb von einer halben Stunde geduscht und im Bett zu sein. Ich verbrauche nur noch zwei bis drei Flaschen Seife die Woche.

Und ich weiß, dass mein Leben trotz meiner Störung weitergeht und ich kein schlechter Mensch deswegen bin.

Wende Dich immer an Deinen Hausarzt, wenn es um Deine Gesundheit und Dein persönliches Wohlergehen geht. BuzzFeed-Posts dienen nur zur Information, sind aber auf keinen Fall ein Ersatz für medizinische Diagnosen, eine Behandlung oder professionellen medizinischen Rat.

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