back to top

"Black Mirror" hat die Pille danach etwas falsch verstanden und darum erklären wir's nochmal

Spoiler: So funktioniert die Pille danach nicht.

Gepostet am

Warnung: Dieser grundlegende Artikel zur Aufklärung über ein missverstandenes Verhütungsmittel enthält Spoiler zur Black Mirror-Folge "Arkangel".

Wenn du die Folge "Arkangel" der neuen Staffel von Black Mirror gesehen hast, weißt du, das es um eine Geschichte geht, in der eine überfürsorgliche Mutter sich ZIEMLICH VERZETTELT.

Netflix

Ein kurze Zusammenfassung: Marie (Rosemarie DeWitt), überwacht ihre Tochter Sara (Brenna Harding) mit einem Chip in ihrem Kopf, den sie bekommen hat, als sie 3 Jahre alt war. Er erlaubt Marie, Saras Aufenthaltsort (entweder per GPS oder durch Saras eigene Augen) zu bestimmen. Dieser Chip überwacht außerdem Saras körperliche Funktionen und filtert gewalttätige und verstörende Bilder. Mit 15 hat Sara eine Beziehung zu einem anderen Teenager ein – Trick (Owen Teague). Mutter Marie lernt, dass Sara Sex hat und mit Drogen experimentiert und findet dann über die Überwachungssoftware heraus, dass Sara schwanger ist.

Marie versucht, die Schwangerschaft zu beenden, indem sie Saras Smoothie mit der Pille danach versetzt, was Regisseurin Jodie Foster "die größte Invasion aller Invasionen" nennt.

Netflix

Sara wird schlecht und nachdem sie sich auf der Schultoilette übergibt, besucht sie die Schulkrankenschwester. Diese stellt mithilfe von ein paar Tests fest, dass die Übelkeit durch das Notfallverhütungsmittel verursacht wurde.

Die Schwester versucht, die verstörte Sara zu beruhigen. Sie solle sich keine Sorgen machen, trotz des Erbrechens werde die Pille wirken: "Du bist nicht mehr schwanger".

Es ist ein riesiger Wendepunkt in der Geschichte, als Sara bewusst wird, dass ihre Mutter ihr Vertrauen missbraucht hat.

Anzeige

Doch der wahre Plot-Twist ist: So funktioniert die Pille danach NICHT. Sie verursacht keine Abtreibung.

Anzeige

In Wahrheit verhindert die Pille danach nur eine Schwangerschaft, wenn du sie einnimmt, bevor es passiert.

Getty/areeya_an

"Vielleicht wird Notfallverhütung in dieser dystopischen Zukunft etwas anderes sein. Aber momentan kann die Pille danach keine Abtreibung einleiten", erzählt Dr. Daniel Grossman BuzzFeed Health. Er ist Professor für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der University of California in San Francisco. "Sie wirkt nicht, wenn die Schwangerschaft bereits eingetreten ist."

Die Pillen zur Notfallverhütung sind dazu gedacht, sofort nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen zu werden. Sie wirken, indem sie den Eisprung verzögern, was verhindert, dass die Eizelle und das Sperma aufeinander treffen. "Die Frau wird nicht schwanger, weil die Spermien nicht so lange überleben", sagt Grossman.

Auch eine Abtreibung kann mithilfe einer Pille vorgenommen werden. Jedoch handelt es sich hierbei um ein ganz anderes Präparat.

Phil Walter / Getty Images

Hierzulande handelt es sich dabei zumeist um Mifegyne, was nicht in der Apotheke erhältlich ist und unter strenger ärztlicher Kontrolle verabreicht wird. Frühere Präparate der Pille danach waren im Grunde nichts weiter als normale Antibabypillen, nur in höherer Dosierung. (Eine Sache, die Black Mirror tatsächlich richtig hinbekommt? Die Pille danach kann Übelkeit verursachen, wobei Erbrechen heute jedoch weniger häufig vorkommt als früher.) Die Abtreibungspille besteht hingegen aus zwei Wirkstoffen (Mifepriston und Misoprostol), die im Abstand von 24 bis 48 Stunden eingenommen werden, sagt Grossmann.

Die „Abtreibungspille“ wirkt auch anders. Mifepriston hemmt die Progesteronausschüttung, die der Körper zur Aufrechterhaltung der Schwangerschaft braucht. Der Wirkstoff Misoprostol beendet die Schwangerschaft, indem er die Gebärmutter leert – was Krämpfe, Blutungen und Übelkeit verursacht.

Nochmal, im Gegensatz zur Pille danach, ist die Abtreibungspille NICHT SO LEICHT zu kriegen. "Ein Arzt kann für einen medikamentösen Schwangerschaftsabbruch noch nicht einmal ein Rezept ausstellen, das in der Apotheke ausgegeben wird", sagt Grossmann.

Die Pille danach und Schwangerschaftsabbruch miteinander zu verbinden, trägt zur Verbreitung von Fehlinformationen bei.

OWN / Via omonatheydidnt.livejournal.com

Tatsächlich ist die Gleichsetzung der beiden Medikamente nichts weiter als einer der Mythen über Abtreibung, die andauernd im Fernsehen verbreitet werden, so Gretchen Sisson gegenüber BuzzFeed Health. Sisson ist Forschungssoziologin und hat sich für die Forschungsgruppe Advancing New Standards In Reproductive Health der University of California in San Francisco die Darstellung von Abtreibung im TV angesehen. Eine weiterer verbreiteter Irrglaube – der unter anderem bei Law & Order und Veronica Mars aufgetaucht ist – ist die „erzwungene oder heimliche Verabreichung der Abtreibungspille“, sagt sie. In diesen Handlungssträngen gehe es oft um Eltern oder Partner. „Black Mirror hatte somit ein bisschen etwas von beiden dieser Elemente.“

Indem die Unterhaltungsbranche auf unrichtige Informationen zurückgreift, vertut sie nach Grossman eine Chance, den Sachverhalt zur Pille danach richtigzustellen. „Ich denke, speziell die Vorstellung, dass die Pille danach zu Übelkeit führt, erscheint vielen Leuten glaubhaft, weil sie die verschiedenen Wirkungsweisen der Medikamente und ihren Einfluss auf den Körper nicht verstehen“, fügt Sisson an. Sie wies auch noch darauf hin, dass die Drehbuchautoren sich komplett von zeitgenössischen medizinischen und technologischen Zwängen hätten freimachen können, um die Art, wie mit Abtreibung umgegangen wird, vollkommen neu zu denken.

Solch verwirrende Darstellungen können durchaus auch einen Einfluss auf unsere Haltung zur Abtreibungspille in der echten Welt haben.

Marc Piscotty / Getty Images

Wie Frauen an die Pille danach und an die Abtreibungspille gelangen, unterscheidet sich sehr, und so sollte es auch sein, sagt Sisson. „Wenn man beides zu verwirrend für die öffentliche Wahrnehmung darstellt, können die Leute möglicherweise nicht verstehen, warum die Pille danach sicher freiverkäuflich sein kann“, erklärt sie. „Wenn sie glauben, dass dadurch eine Abtreibung vorgenommen wird, denken sie berechtigterweise, dass die Abgabe stärker kontrolliert werden sollte – oder dass es Kontrollstellen geben sollte – obwohl sie selbst tatsächlich sicher damit umgehen können. Anders ausgedrückt kann die ganze Verwirrung die Haltung der Leute darüber beeinflussen, wie die Pille danach verordnet und ihre Abgabe geregelt werden sollte, und wie sie sicher eingenommen wird, sowie wer diese Wahl treffen kann, sagt sie.

„Es kursieren so viele Fehlinformationen von der Anti-Abtreibungsbewegung, nach denen, die Pille danach zu Abtreibungen führt, obwohl das nicht zutrifft“, sagt Sisson. „Es ist also nicht nur eine Frage des medizinischen Verständnisses, sondern auch ein politisches Thema, und es ist unzutreffend.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch.