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So überwand ich meine Magersucht

Corinna* ist 16 als sie mit Anorexia Nervosa diagnostiziert wird. Ihren Weg aus der Magersucht beschreibt sie hier.

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"Keine Sorge, Mama, ich würde niemals aufhören zu essen, dazu liebe ich es viel zu sehr."

Das sagte ich meiner Mutter, als sie geschockt war, dass eine meiner Mitschülerinnen wegen Magersucht in eine Klinik gekommen war. Ich war 14, hatte keine Vorstellung davon, warum jemand beschließen sollte so wenig zu essen, dass er nur noch ein wandelnder Geist ist oder warum jemand überhaupt auf etwas so Wundervolles wie Essen verzichten sollte.

Ich verurteile mich nicht dafür, diesen Satz damals gesagt zu haben. Denn als ich selbst zu etwas wurde, zu dem ich nie hatte werden wollen, wurde mir klar, dass man das alles nur verstehen kann, wenn man es selbst erlebt hat. Vor allem, wenn es die richtig schlimmen Dinge im Leben betrifft.

Als ich 16 war, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich wahnsinnig gut kontrollieren konnte, welche Zahl auf der Waage steht. Drei Tage kein Brot, stattdessen nur Knäckebrot, etwas weniger Müsli zum Frühstück und zum Abendbrot etwas weniger - zack, die Zahl sinkt. Dabei ging es mir in erster Linie nicht um die Zahl, sondern um die Kontrolle. Ich ernährte mich beeinflusst durch mein Mutter, die immer frisch kochte, immer schon bewusst und möglichst gesund, so dass es auch niemanden wirklich auffiel, als ich immer weniger und fast nur noch Obst aß.

Ich war nie dick, im Gegenteil. Ich bin wohl einer der wenigen Menschen in meiner Familie, der eigentlich kaum drauf achten müsste, was er isst. Doch diese Tatsache verblasste aus verschiedenen Gründen. Einer davon ist mein Drang zur Perfektion und Kontrolle. Dann ist da meine Liebe zur Mode, bei der es viel um den perfekten, dünnen Körper geht. Nicht zuletzt fühlte ich mich durch soziale Netzwerke wie Tumblr und Instagram unter Druck gesetzt, die ich zwar bis heute täglich nutze, aber die dennoch als einer von wahrscheinlich 100 Faktoren zu meiner Erkrankung beigetragen haben.

Ich fing an, meine Nahrungsaufnahme Stück für Stück auf ein Minimum zu beschränken.

Ich werde bewusst nicht darauf eingehen, was oder wie viel ich genau aß, weil das triggernd wirken kann. Ich wurde in einem schleichenden Prozess immer mehr in den Sog gezogen. Es war die Sucht nach dem Kick, weniger zu essen als gestern.

Dabei hasst ich Essen nicht, im Gegenteil. Ich entwickelte eine noch stärkere Liebe zum Essen und sah es als Belohnung für etwas, dass ich mir selbst auftrug zu leisten.

Beispielsweise ging ich joggen, ging an meine Grenzen, joggte ohne Training fünf Kilometer am Stück. Danach aß ich dann einen Apfel. Kein bisschen mehr, dafür hätte ich sechs Kilometer schaffen müssen.

Bis ich merkte, dass ich einen Zwang entwickelt hatte, verging etwa ein Jahr. Bis ich akzeptierte, dass ich einen Zwang hatte und er mein Leben bestimmte, verging ein weiteres Jahr.

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Der Zombie in mir

In dieser Zeit war der Einzige, mit dem ich manchmal darüber redete, mein Freund.

Er wusste, dass ich jeden Tag penibel genau alle Lebensmittel mit Grammzahlen in eine App eintrug, um über meine erreichte Kalorienzahl Bescheid zu wissen, die stetig sank. Die Zahl auf meinem Display motivierte mich ebenfalls, immer weniger zu essen und möglichst viel zu verbrennen. Wenn ich 100 Kalorien mehr aß als am Tag zuvor, weil ich es in der Schule vor Hunger nicht mehr aushielt und die Banane schweren Gewissen essen musste, fiel ich in ein Loch voller Vorwürfe und Selbsthass. Manchmal erzählte ich ihm davon, aber ich sagte nicht klar, was los war, so dass er nicht wirklich wusste, wie ernst meine Situation war.

Ich wollte ihn nicht belasten. Ich wollte stark sein. Ich wollte zeigen, dass ich alles im Griff hatte. Ich rutschte in ein ewiges Tief, in dem ich täglich schlecht gelaunt war, Hass verspürte, besonders gegen mich selbst, meine Gedanken und meinem Verlangen nach Essen. Ich nahm nur die negativen Gefühle wahr, während die guten verschwunden waren. Ich hatte das Gefühl, nie wieder Glück zu spüren und bildete mir ein, das Erreichen meiner Kalorienziele würde mich erfüllen. Später wurde mir bewusst, dass dieses Ziel mich nur mit Leere füllte.

Ich dachte nur noch an das Planen meiner Mahlzeiten und die Kalorien, die sie enthielten. Ich trug permanent innere Konflikte mit meinem Gewissen aus, die ich nicht gewinnen konnte. Der Zombie in mir trat nach außen. Er begann, alle um sich herum schlecht zu behandeln und all seine Wut und Enttäuschung über sich selbst und den Ansprüchen, die ich niemals erreichen konnte, wie einen Rucksack mit sich herumzutragen. In diesem Rucksack war täglich für jeden Menschen in meiner Nähe eine Portion Unfreundlichkeit vorhanden. Am meisten davon bekam ich selbst ab - mein Zombie lebte von meinem Selbsthass.

Die Angst vor der Zahl auf der Waage

Dann kam der Dezember letzten Jahres. Ich hatte im Rausch eines Kontrollverlusts einen Schokoweihnachtsmann verschlungen. Das brachte meine Welt der Kontrolle aus den Fugen und ich erlitt einen Nervenzusammenbruch. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich mit meiner Kraft und auch meiner Disziplin am Ende war.

Ich informierte mich über Kliniken und sagte meine Mutter, dass ich mit ihr reden muss. Ich erzählte ihr, dass ich eine Essstörung habe, seit langem. Ich sagte ihr, dass ich am Ende bin und meine Krankheit nicht mehr ertragen kann. Sie reagierte taff und gefasst, liebevoll und unterstützend, genau wie eine Mutter reagieren sollte. Sie war war bei Weitem meine größte Quelle der Kraft.

Ich ging zu meiner Hausärztin, die Anorexie Nervosa diagnostizierte und mich bei meinem Gewicht eigentlich direkt in eine Klinik hätte schicken müssen. Doch sie versprach mir, dass wir es auch ohne einen Klinikaufenthalt schaffen können. Ich musste ein Tagebuch über mein Essverhalten führen und jede Woche zum Wiegen und zum Gespräch zu ihr kommen. In meiner anfänglichen Euphorie den Kampf aufzunehmen, kaufte ich all das, was der Zombie mir verboten hatte - Eis, Schokolade und Kekse - und aß sie. Ich aß und aß, aber die Angst, da könnte eine höhere Zahl beim nächsten Wiegen stehen, verschwand nicht, sie wurde größer.

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Ein heilsamer Schock

Ich nahm zu, aber es reichte nicht, um mich gesund zu machen und mein psychischer Zustand verschlechterte sich. Ich konnte morgens nicht aufstehen. Mir war ständig schlecht, ich hasste die Zahl auf der Waage und wenn sie 200 Gramm Unterschied in meinem Gewicht anzeigte, fühlte ich mich fett. Ich fiel in eine Depression, die meine Ärztin veranlasste, mich sofort in eine Klinik zu überweisen.

In meiner Wartezeit bis zur Aufnahme passierte etwas mit mir, dass sich als eine Art

Umbruch beschreiben lässt. Ich bereitete mich auf das für mich allerschlimmste Szenario vor: Ein Leben getrennt von allen Menschen die ich kenne und liebe. Getrennt von denen, die mir jeden Tag so viel Halt geben, dass ich noch nicht komplett einstürze.

Genau diese Vorstellung wirkte wie eine Schocktherapie. Ich fing an zu essen, regelmäßig und mit Elan, ich wog mich nicht mehr, ich wollte nur einen Rhythmus zurück, der meinen Körper wieder leben ließ. Ich verdrängte alle schlechten Gedanken und aß. Ich tat es für sie, die Menschen die mich nicht aufgeben hatten, die ganze Zeit über nicht. Meine Therapeutin, zu der ich in dieser Zeit wieder regelmäßig ging, brachte mich wieder dazu, mich selbst zu mögen und den Zombie nicht mehr als einen Teil von mir zu betrachten. Sie redete mit mir kaum über das Essen oder meine Sucht, sondern über allerlei anderes. Wir fanden heraus, warum das Essen meine Gedanken so sehr unter Kontrolle bekommen hatte.

Ich schrieb einen Abschiedsbrief an den Zombie und machte einen ersten Schritt, mit ihm abzuschließen.

Ich kam in die Klinik und verließ sie auf eigene Faust nach drei Tagen an meinem 18. Geburtstag wieder. Ich konnte mit diesem Datum selbst entscheiden, was ich machen wollte und genau das tat ich. Seit diesem Tag kämpfe ich und dieser Kampf wird immer weitergehen.

Mein Körper lernt wieder, mir zu vertrauen

Dieser Tag jetzt ist acht Monate her und ich habe vor etwa einem Monat begonnen, wieder völlig normal zu essen. Nach Phasen, in denen das Essen mal besser und mal schlechter ging, denke ich langsam, ich habe es immer mehr im Griff. Ich will damit sagen, dass man mit einer Essstörung nicht von heute auf morgen abschließen kann, sondern dass es einen langwierigen Prozess gibt. Mein Körper musste sich nicht nur an eine normale Nahrungsaufnahme gewöhnen, sondern vor allem wieder anfangen, mir zu vertrauen.

Mein Körper musste lernen, sich wieder auf mich verlassen zu können. Dass er wirklich Nahrung bekommt, wenn er etwas braucht. Lange Zeit misstraute er mir. Ich nahm es ihm nicht übel, denn ich hatte ihn ganz schön im Stich gelassen.

Ich stellte mir vor, wie er seit meiner Geburt Stunde für Stunde und Minute für Minute arbeitet. Er arbeitet für mich, damit ich lebendig sein kann, tanzen kann, lachen kann, traurig oder glücklich sein kann und das immer, ohne Pause, bis zu meinem letzten Atemzug.

Das Letzte, was er verdient hat, ist, dass ich ihm dabei im Weg stehe.

Der Zombie wird nie ganz weg sein

Aber ich muss realistisch sein: Ganz weg wird meine Krankheit nie sein.

Der Zombie sitzt in einer dunklen Zelle mit Zwangsjacke und Klebeband über dem Mund, ganz weit in den Tiefen meines Kopfes. Manchmal schreit es so laut, dass ich es bis zu mir nach oben leise höre. Aber jetzt bin ich nicht nur Zombie-Jägerin, sondern auch Bändigerin.

Er ist zwar unsterblich, hat aber keine Chance mehr, je wieder solche Macht zu gewinnen. Denn ich weiß jetzt, wer ich bin.

Ich bin stark, ich habe Talent, ich bin ein netter und lebensfroher Mensch. Ich kann eine Menge schaffen. Und was das wichtigste – und allerschwierigste – von allem ist: Ich mag mich. Und zwar genau so, wie ich bin.

Und es gibt andere, die mich auch mögen und sogar lieben. Diese Gefühle nehme ich nicht nur wahr, sondern sauge sie auf. Ein Lachen, was für irgendwen anders nicht von Bedeutung ist, löst in mir pures Glück aus.

Ich kann wieder fühlen und lebendig sein. Mein Körper dankt mir jeden Tag, dass er endlich ausreichende Nahrung bekommt und belohnt mich dafür mit Emotionen.

Wir sind jetzt ein Team, mein Körper und ich.

Wir arbeiten nicht mehr gegeneinander, sondern nur noch miteinander.

*Corinna hat uns gebeten, nur ihren Vornamen zu verwenden.

Wende Dich immer an Deinen Hausarzt, wenn es um Deine Gesundheit und Dein persönliches Wohlergehen geht. BuzzFeed-Posts dienen nur zur Information, sind aber auf keinen Fall ein Ersatz für medizinische Diagnosen, eine Behandlung oder professionellen medizinischen Rat.

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