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"Innerlich bin ich schon tot" - Wie die Magersucht Melisas Leben bedroht

Essstörungen sind keine harmlose Mode. Sie können Dich töten. Das zeigt dieses Fall einer Betroffenen, die derzeit um ihr Leben kämpft.

Gepostet am

Mit 12 Jahren erkrankte Melisa B.*an Bulimie. Die Krankheit wurde abgelöst von Magersucht. Heute ist Melisa 24 Jahre alt und kann vor Schwäche nicht mehr aufstehen. Ihr Arzt glaubt nicht, dass sie 2016 erlebt. Seit 2014 spricht die Journalistin Nora Burgard-Arp via Facebook-Chat mit Melisa über den Kampf gegen eine Krankheit, die immer wieder Oberhand gewinnt. Wir haben den vorerst letzten Teil ihres Gesprächs protokolliert.

12.Mai 2014

Nora Burgard-Arp

Hi, wie geht es dir? Bist Du schon in der Klinik?

Melisa B.

Nee. Ich glaub, ich geh nicht. Ich möchte nicht.

Nora Burgard-Arp

Warum nicht?

Melisa B.

Das Abi nachzuholen ist mir wichtiger. Außerdem halte ich meine 35 kg und nehme nicht ab.

Nora Burgard-Arp

Aber sind 35 kg nicht immer noch viel zu wenig?

Melisa B.

Ja, schon. Aber ich hatte im Dezember 29 kg. Das sind also jetzt schon 6 kg mehr.

Nora Burgard-Arp

Verstehe. Hast Du der Klinik schon abgesagt?

Melisa B.

Ja. Liege aber gerade im normalen Krankenhaus. Allerdings nicht wegen der Magersucht.

Nora Burgard-Arp

Sondern?

Melisa B.

Ich hab eine Lungenentzündung.

Nora Burgard-Arp

Gute Besserung! Woher kommt denn die Lungenentzündung und was sagen die Ärzte zu Deinem Gewicht?

Melisa B.

Naja, essen soll ich halt. Ich habe Asthma und öfters eine Bronchitis. Wenn ich nicht aufpasse, wird da schnell eine Lungenentzündung raus. Ich hatte erst Ende 2013 die letzte. Da hab ich 29 kg gewogen und die Ärzte hatten Angst, dass ich sterbe. Das haben sie jetzt auch wieder.

Nora Burgard-Arp

Und Du?

Melisa B.

Ich habe keine Angst. Ich habe mich mit dem Tod angefreundet. Mir ist langweilig.

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Nora Burgard-Arp

Wann machst Du Dein Abitur?

Melisa B.

In einem Jahr. Wenn alles gut läuft.

Nora Burgard-Arp

Da wäre doch eigentlich noch Zeit für einen Klinikaufenthalt vorher, oder?

Melisa B.

Ja, schon. Aber ich will nicht über 39 kg kommen. Und es ist Zeitverschwendung, 4 kg zuzunehmen und dann entlassen zu werden. Ich hab panische Angst vor der 4 auf der Waage. Die 3 ist schon schwer. Ich hätte lieber wieder die 2. Aber das geht nicht, wenn ich leben will. Meine Freundin ist vor einem Monat an Magersucht gestorben. Sie hatte 28 kg bei 1,70 m.

Nora Burgard-Arp

Das tut mir sehr Leid.

Melisa B.

Danke.

Nora Burgard-Arp

Willst du denn leben?

Melisa B.

Sagen wir mal so: Ich würde mich nie umbringen. Am schlimmsten ist gerade der Husten und dass ich so friere. Ich will schon den ganzen Tag schlafen, aber es klappt nicht. Und meine Therapeutin ist genervt, weil ich seit Wochen nicht da war. Sie weiß nichts von der Lungenentzündung.

Nora Burgard-Arp

Warum sagst Du es ihr nicht?

Melisa B.

Ich habe Angst vor ihrer Reaktion. Dass sie mir nicht glaubt, weil man mir die Anorexie nicht ansieht. Ich habe Angst, dass ich eigentlich gar keine Magersucht habe.

Nora Burgard-Arp

Warum ist Dir die Diagnose Magersucht so wichtig?

Melisa B.

Das ist das Einzige, was mich von anderen unterscheidet. Von denen, die in meinem Alter studieren. Ich habe nix. Wenn ich andere Magersüchtige mit Einser-Abi sehe, komme ich mir noch wertloser vor. Aber dann denk ich immer an meine Freundin, die gestorben ist. Die hatte auch kein Abi und das tröstet mich.

Nora Burgard-Arp

Inwiefern tröstet dich das?

Melisa B.

Naja, sie hatte höchstens einen Realschulabschluss, wenn überhaupt, und war Hardcore-Anorektikerin. Das erfüllt ja nicht gerade das Klischee, dass alle Magersüchtigen hochintelligent und perfektionistisch sind. Ich passe auch nicht in dieses Schema

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18. Mai 2014

Nora Burgard-Arp

Guten Morgen!

Melisa B.

Hallo, hier ist Moritz*, der Freund von Melisa. Sie wurde auf die Intensivstation verlegt. Ihr geht es sehr schlecht. Wir hoffen, dass sie nicht stirbt.

Nora Burgard-Arp

Das tut mir Leid. Ich hoffe mit euch!

20. Mai 2014

Melisa B.

Hallo, ich bin wieder auf der Normalstation.

Nora Burgard-Arp

Hey! Was war denn los?

Melisa B.

Ich hatte ziemlich hohes Fieber und Herzrhythmusstörungen. Da sind die Ärzte lieber auf Nummer sicher gegangen.

Nora Burgard-Arp

Wie wird es nun weitergehen?

Melisa B.

Ich muss noch hier bleiben. Ich habe wieder abgenommen. Das kann aber auch an der Lungenentzündung liegen. Ich soll nach dem Krankenhausaufenthalt in eine Klinik für Essstörungen gehen. Aber ich will immer noch nicht. Ich habe Angst, dass die Ärzte und Patienten dort fragen, warum ich überhaupt da bin.

Nora Burgard-Arp

Weißt Du denn rational, dass Du zu dünn bist und deswegen im Krankenhaus liegst?

Melisa B.

Naja, eigentlich bin ich ja wegen der Lungenentzündung im Krankenhaus und nicht wegen dem Gewicht.

29.Mai 2014

Melisa B.

Hallo

Nora Burgard-Arp

Hey!

Melisa B

Mir geht es sehr schlecht zurzeit. Ich kann nicht mit dem Erbrechen aufhören. Ich bin nicht mehr im Krankenhaus. Bin zuhause und fast wieder gesund was die Lungenentzündung angeht. Ich habe gestern in der Klinik für Essstörungen angerufen und werde doch im Juni hingehen.

Nora Burgard-Arp

Das ist super!

Melisa B.

Ja… aber ich habe Angst.

Nora Burgard-Arp

Wovor?

Melisa B.

Dass es zu spät ist.

Nora Burgard-Arp

Zu spät wofür?

Melisa B.

Ich habe Angst, dass ich mir meinen Magen und die Speiseröhre schon zerstört habe. Ich hab Angst vorm Sterben, aber auch Angst vorm Leben. Angst davor, dass es mir gut gehen könnte.

Nora Burgard-Arp

Angst davor, was ohne die Krankheit bleibt?

Melisa B.

Ja

Nach diesem Gespräch ist der Kontakt für viele Monate abgerissen. Erst ab dem Sommer dieses Jahres haben wir wieder öfter geschrieben.

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16. August 2015

Nora Burgard-Arp

Hallo. Wie geht es dir?

Melisa B.

Sehr schlecht. Keine der Spezialklinik für Essstörungen, bei der ich mich vorgestellt habe, nimmt mich. Ich bin mega depressiv und liege nur noch im Bett. Ich will aber auch nicht mehr in eine Klinik. Habe keine Kraft mehr, dagegen anzukämpfen. Und nehme den Tod in Kauf bzw. dass ich an der Essstörung sterben werde.

Nora Burgard-Arp

Warum nimmt Dich keine Klinik?

Melisa B.

Weil mein BMI zu niedrig** ist.

Nora Burgard-Arp

Und in ein normales Krankenhaus zu gehen, ist keine Option?

Melisa B.

Nein. Das möchte ich nicht mehr. Da lebt dann nur mein Körper so gerade eben noch. Und innerlich bin ich längst tot. Irgendwie habe ich das alles auch schon so hingenommen.

9. Oktober 2015

Nora Burgard-Arp

Hallo, wie sehen Deine Tage zurzeit aus?

Melisa B.

Ich schlafe nur, bin zuhause und liege im Bett.

Nora Burgard-Arp

Seit wie vielen Wochen bist Du in diesem Zustand?

Melisa B.

Ungefähr seit 11 Wochen.

Nora Burgard-Arp

Du liegst seit 11 Wochen im Bett?

Melisa B.

Ja, abgesehen vom Duschen und manchmal 20 Minuten Bewegung.

** BMI steht für Body Mass Index, eine Zahl, die Gewicht und Körpergröße ins Verhältnis setzt. Das Bundesamt für gesundheitliche Aufklärung und die Weltgesundheitsorganisation verwenden den Body Mass Index. Doch einige Experten kritisieren den BMI, weil zu sehr vereinfache. Viele Kliniken für Essgestörte haben einen Mindest-BMI (meist von 15) als Aufnahmekriterium, weil sie eine notwendige (Intensiv-)medizinische Versorgung nicht gewährleisten können. Es gibt einige, die auch sogenannte Härtefälle aufnehmen, aber die, wo Melisa sich vorgestellt hat, gehört scheinbar nicht dazu.

14. Oktober 2015

Melisa B.

Ich werde wahrscheinlich bald zwangsernährt.

Nora Burgard-Arp

Ab wann?

Melisa B.

Im Dezember. Falls ich hingehe.

Nora Burgard-Arp
Hat das Dein Arzt entschieden?

Melisa B.

Ja und mein Freund. Aber ich weiß nicht, ob ich das möchte. Ich hasse mich für meine Essstörung und dass ich sie nicht loslassen kann. Ich hatte einen Herzstillstand vor einer Woche unter Narkose.

Nora Burgard-Arp.

Oh nein! Das tut mir Leid. Warum warst Du unter Narkose?

Melisa B.

Darüber möchte ich nicht reden

Nora Burgard-Arp

Okay.

Melisa B.

Auf jeden Fall will ich nicht mehr ins Krankenhaus.

Nora Burgard-Arp

Also eigentlich hast Du Dich schon gegen die Zwangsernährung entschieden?

Melisa B.

Ja. Mein Hausarzt meint, ich überlebe dieses Jahr sowieso nicht mehr.

Nora Burgard-Arp

und trotzdem willst Du nicht künstlich ernährt werden?

Melisa B.

Nein. Zunehmen ohne zu essen – sicher nicht! Und dann innerhalb weniger Wochen fett sein und entlassen werden.

Nora Burgard-Arp

Was ist für Dich "fett"?

Melisa B.

Auf meinen eigenen Körper bezogen alles über BMI 13. Alle anderen Menschen sehe ich realistisch.

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28. November 2015

Nora Burgard-Arp

Hi

Melisa B.

Hallo, bin wieder auf der Intensivstation

Nora Burgard-Arp

Was wird dort genau gemacht zurzeit?

Melisa B.

Mein Herz wird überwacht und alle anderen Vitalfunktionen.

Nora Burgard-Arp

Wie sieht es mit Essen aus?

Melisa B.

Ich esse nicht

Nora Burgard-Arp

Gar nicht?

Melisa B.

Nein

Nora Burgard-Arp

Bekommst du von den Ärzten Nährstoffe zugeführt?

Melisa B.

Nein. Das habe ich abgelehnt.

02. Dezember 2015

Melisa B.

Ich glaube, mein Körper ist am Ende. Er macht nicht mehr das, was mein Kopf möchte. Ich will aufstehen, aber es geht nicht. Bin innerlich getrieben und äußerlich gebremst. Wie ein Auto im Leerlauf.

Nora Burgard-Arp

Macht Dir das Angst?

Melisa B.

Ja. Vor dem Sterbeprozess.

Nora Burgard-Arp

Hast Du irgendeine Form von psychologischer Betreuung?

Melisa B.

Nein.

Am 6. Dezember hat sich Melisa selbst von der Intensivstation entlassen, da sie Nikolaus nicht im Krankenhaus verbringen wollte. Zurzeit ist sie zu Hause.

*Auf Wunsch der Betroffenen veröffentlichen wir nicht ihren wahren Namen.

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Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) leiden in Deutschland 1,5 Prozent der Frauen und 0,5 Prozent der Männer unter einer der drei Hauptformen von Essstörungen. Das sind Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Störung. In den Jahren 1998 bis 2012 starben zwischen 33 und 100 Menschen an diesen Störungen. Es waren in der überwältigenden Mehrheit Frauen, sagt die BZgA.

Essstörungen haben das Merkmal, dass Betroffene völlig auf das Thema Essen fixiert sind und es ihr Leben vollständig im Griff hat. Essen oder Nicht-Essen wirkt sich darauf aus, was die Betroffenen fühlen, wie sie mit ihrer Umwelt umgehen und welche Entscheidungen sie privat und beruflich treffen, sagt die BZgA. Der Körper wird zu einem Schlachtfeld, auf dem Konflikte ausgetragen werden.

Magersucht kommt laut BZgA in Deutschland bei 0,3 Prozent aller Frauen zwischen 14 und 24 vor. Betroffene essen immer weniger, um immer mehr abzunehmen. Doch selbst wenn sie schon unter starkem Untergewicht leiden, finden sie sich noch zu dick.

Der oft schleichende Weg zur Essstörung und damit zur Krankheit ist laut BZgA durch folgende Schritte gekennzeichnet:

"Wenn aus dem Versuch, durch Nahrungseinschränkung Gewicht abzunehmen ein Dauerzustand wird, wenn sich die Einstellung zum Essen verändert, nicht mehr lustvoll und mit Genuss gegessen wird, wenn sich das betroffene Mädchen oder der betroffene Junge stark mit Figur und Gewicht beschäftigt und im Zusammenhang mit Essen starke Ängste mit entsprechenden emotionalen Reaktionen (soziale Abschottung, Aggressionen) zeigt, oder wenn sie bzw. er stark oder schnell an Gewicht verliert, dann müssen Eltern, Lehrerinnen und Lehrer handeln."

Wenn Du Dir nicht sicher bist, ob Du eine Essstörung hast und mit jemanden über Dein Problem sprechen willst, kannst Du beim Beratungstelefon der BZgA unter (02 21) 89 20 31 anrufen. Es ist Montag bis Donnerstag von 10-22 Uhr besetzt und Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.

Wende Dich immer an Deinen Hausarzt, wenn es um Deine Gesundheit und Dein persönliches Wohlergehen geht. BuzzFeed-Posts dienen nur zur Information, sind aber auf keinen Fall ein Ersatz für medizinische Diagnosen, eine Behandlung oder professionellen medizinischen Rat.

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