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Nachdem wir 35.000 Tweets untersucht haben, kennen wir die beliebtesten Webseiten unter AfD-Anhängern

Überraschung: rechte Seiten. Aber auch Bild, Welt und Focus Online.

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Die größten Anhänger der AfD auf Twitter informieren sich zu weiten Teilen über alternative Medien, die häufig zu einem Netzwerk neurechter Webseiten gehören. Das zeigt eine Analyse von 35.000 Tweets durch das britische Investigativ-Büro TBIJ, die BuzzFeed News Deutschland exklusiv veröffentlicht.

Sechs der zehn Webseiten, die unter den größten AfD-Anhängern besonders beliebt sind, sind neurechte, alternative Webseiten, darunter PI-News und Politikversagen.net. Neben diesen neurechten Medien teilten die größten AfD-Anhänger im Untersuchungszeitraum vor allem Artikel der Bild, der Welt, von Focus Online und des russischen Staatssenders RT Deutsch.

Das sind die in der AfD-Filterblase am häufigsten geteilten Medien

TBIJ / BuzzFeed News

Das Recherchebüro TBIJ hat analysiert, welche Medien von einem Kern an AfD-Anhängern am häufigsten geteilt wurden – und haben damit Einfluss auf die Weltsicht der AfD-Filterblase haben.

„Es gibt mittlerweile ein größeres und häufiger auf sich selbst Bezug nehmendes, rechtes Medien-Ökosystem“, sagt Jonas Kaiser, ein deutscher Medienexperte am Berkman Klein Center der Harvard-Universität. Dieses neue Ökosystem helfe Menschen dabei, sich ihrer Meinung zu vergewissern.

„Für Menschen in dieser rechten Blase gibt es jetzt mehr Webseiten, die den Eindruck erwecken, es gebe eine Alternative zu den Mainstream-Medien“, sagt Kaiser. Mittlerweile haben diese Seiten zum Teil Hunderttausende Leser im Monat.

Sechs der zehn Seiten verbreiten neurechte Inhalte

Für die Analyse hat das Recherchebüro TBIJ die Tweets der Accounts analysiert, die im August innerhalb von zwei Wochen am häufigsten das offizielle AfD-Hashtag #TrauDichDeutschland geteilt haben. Darunter befinden sich auch die Spitzenpolitiker Beatrix von Storch, Jörg Meuthen und Alice Weidel. Dazu kommen weitere Tweets von Personen, die von diesen Nutzern am häufigsten auf Twitter erwähnt wurden. Insgesamt haben die Reporter 26 Twitter-Nutzer geprüft, die in einem zweiwöchigen Zeitraum insgesamt 34.885 Tweets veröffentlicht haben.

Aus diesen Tweets haben die Reporter 10.956 URLs gesammelt, um zu überprüfen, welche Online-Medien von diesen Nutzern am häufigsten erwähnt werden – und damit im AfD-Umfeld entsprechenden Einfluss haben. Von den zehn meistzitierten Medien gehörten sechs zu einem Netzwerk neuer, rechter, alternativer Webseiten. Zudem wurden die Bild, die Welt und Focus Online besonders häufig geteilt, genau wie der russische Sender RT Deutsch.

Sehr häufig geteilt wurden auch Artikel der rechten Webseite FreieZeiten.net – ein deutscher Nachmacher einer sehr bekannten, schwedischen Webseite – und der deutschen, aber in Russland betriebenen Seite anonymousnews.ru. Auch der russische Sender Sputnik wurde vergleichsweise häufig geteilt. Das TBIJ hat zudem achte weitere, sehr häufig geteilte Seiten gefunden, die sehr viel negative Berichterstattung über Flüchtlinge verbreiten und nach dem Sommer 2015 gestartet wurden.

Das aggressive Netzwerk rechter Seiten wird bleiben

Bis Mitte 2015 gab es lediglich eine kleine Anzahl ernstzunehmender rechter Portale in Deutschland, darunter die Junge Freiheit, eine rechte Wochenzeitung, sowie PI (Politically Incorrect) News, ein sehr erfolgreiches, rechtes politisches Blog, das 2004 als Fanseite für den damaligen US-Präsidenten George W. Bush entstanden war – und seinen Fokus schnell auf eine anti-islamische Agenda gelegt hat.

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Eine Recherche des Investigativ-Büros TBIJ zeigt, dass diese schon länger bestehenden Webseiten mittlerweile in ein Ökosystem von rechten Webseiten eingebunden sind, das sich fast ausschließlich mit Flüchtlingen, dem Islam und angeblichen Verbrechen beschäftigt. Selbst wenn die AfD nach ihrem Einzug in den Bundestag wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken sollte – dieses rechte Netzwerk von Webseiten könnte schon jetzt den Grundstein gelegt haben für eine deutlich aggressivere politische Diskussion in Deutschland.

Die Große Koalition und die Nähe der politischen Parteien zueinander haben dazu beigetragen, dass sich einige Menschen nicht mehr repräsentiert fühlen. Viele von ihnen sehen die Medien offenbar eng mit der Politik verwoben. In einer Umfrage der Universität Mainz von Ende 2016 sagten 55 Prozent der Befragten, dass es möglich sein könnte, dass die Medien systematisch lügen und 26 Prozent glaubten daran, dass Medien und Politiker gemeinsam daran arbeiten, die öffentliche Meinung zu manipulieren.

In den USA haben Medien wie Fox News und Breitbart ganz ähnliche Stimmungen für sich genutzt. Sie haben profitable Medienorganisationen aufgebaut und im vergangenen Jahr mitgeholfen, Donald Trump zum Präsidenten zu machen.

In rechter Blase häufiger zitiert als klassische Medien

In Deutschland versuchen rechte Webseiten ähnliche Gefühle für sich zu nutzen. Die Recherche des Investigativ-Büros TBIJ legt nahe, dass die alternativen, neurechten Seiten zusammengenommen von engagierten AfD-Anhängern häufiger geteilt werden als klassische Medien.

„Wer in Zukunft in diesem Land gut und gerne leben will, sollte besser Arabisch lernen.“ Oder: „Neukölln: Christ wegen Kreuzkette mit Messer attackiert.“ Oder: „Die Tragödie der Selbst-Islamisierung Deutschlands.“ Das sind Überschriften dieser alarmistischen Webseiten, die noch lange nach den anstehenden Wahlen Einfluss auf die öffentliche Debatte haben dürften.

Keine der rechten Webseiten in Deutschland hat auch nur im Ansatz eine solche Reichweite wie Breitbart, das laut der Firma Similarweb allein im August 83 Millionen Besucher gezählt hat. In Deutschland hatte die beliebteste rechte Seite im gleichen Zeitraum aber immerhin 5,4 Millionen Besuche: PI News. Andere haben bis zu rund einer Millionen Gäste im Monat. Geworben wird auf diesen Seiten vor allem für rechte Bücher, Immobilien in Uruguay und Gold. Viele dieser Seiten bitten ihre Leser um Spenden.

Die vom TBIJ überprüften Seiten waren höchst unterschiedlich. Von Meinungsseiten bis hin zu Seiten, die sich als Nachrichtenredaktion präsentieren. Einige waren anonym registriert, andere die persönlichen Seiten bestimmter Autoren.

Was die Seiten vereint: Alle konzentrieren sich auf die aus ihrer Sicht ausschließlich negativen Folgen der Aufnahme von Flüchtlingen seit dem Sommer 2015. Weitere Themen sind die Zensur durch Technologie-Unternehmen wie Facebook, der Vertrauensverlust in die Massenmedien und Beschwerden über Attacken auf die AfD, egal ob physisch oder online.

Die von ihnen so genannte „Islamisierung“ ist eines der großen Themen dieser Webseiten. So berichteten die Seiten in den ersten Septembertagen zum Beispiel darüber, dass Google angeblich Kreuze an Kirchen zensiere, dass Lidl Kreuze von Verpackungen griechischen Essens entferne und über einen Kindergarten in Österreich, der angeblich kein Schweinefleisch mehr serviere.

Die Seiten zeigen oft eine verzerrte Sicht der Realität, aber fallen damit nicht unbedingt als Fake News unter das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das soziale Medien theoretisch mit bis zu 50 Millionen Euro Strafe bedroht, wenn diese Hass und Verleumdung nicht schnell genug entfernen. Im Gegensatz zu klar erkennbaren Lügen und Hetze ist es deutlich schwieriger, mit verzerrten Informationen umzugehen, die einen wahren Kern haben, diesen aber falsch darstellen.

Das rechte Netzwerk verstärkt die eigene Weltsicht

Die Webseiten verstärken sich und ihre Sicht auf die Welt untereinander. Dem Analysedienst Similarweb zufolge ist politikversagen.net eine der Seiten mit den meisten Verweisen auf pi-news.net. Politikversagen ist eine anonym registrierte Seite aus einem kleinen Städtchen in der Schweiz, die vor allem Inhalte anderer Seiten und Kommentare aggregiert. Politikversagen verweist auch viele Nutzer auf freizeiten.net. Pi-News wiederum bringt Nutzer auf die Seiten refcrime.info und anonymousnews.ru. Die Seiten unterstützen sich zum Teil auch gegenseitig, wenn sie attackiert werden. So veröffentlichte PI-News ein Stück, dass das Magazin Compact verteidigte, als dieses von der Bild kritisiert wurde.

Der extreme Fokus auf Migration und Islam verstellt den Blick auf die ursprünglichen Ziele der Seitenbetreiber. PI-News begann als Unterstützerseite für George W. Bush während zum Beispiel Behoerdenstress im Jahr 2011 gegründet wurde als Forum für Probleme in der hessischen Polizei.

Die Aufnahme von Hunderttausenden Flüchtlingen im Jahr 2015 gab den rechten Webseiten eine gemeinsame Richtung. Die rechten Seiten gehen davon aus, dass Angela Merkel Flüchtlinge aktiv dazu eingeladen hat, nach Deutschland zu kommen. Deshalb können diese Seiten nun jedes einzelne Verbrechen von Flüchtlingen – egal ob verurteilt oder nur beschuldigt – als ein Beispiel von Politikversagen darstellen.

Geholfen hat den rechten Medien dabei die Silversternacht in Köln Anfang 2016, als Medien und Polizei zunächst geprüft haben, was an den Vorwürfen tatsächlich dran ist – statt diese direkt in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Viele ohnehin skeptische Bürger sahen das als Beleg, dass die Medien nur die offizielle Regierungslinie verbreiten.

AfD-Anhänger behaupten zudem, dass jeder sofort als Nazi bezeichnet wird, der Merkels Flüchtlingspolitik oder die Berichterstattung darüber kritisiert. Die rechten Medien versuchen, diese Gefühle auszuschlachten. Merkel wolle doppelt so viele Flüchtlinge nach Deutschland bringen wie ursprünglich geplant, behaupteten sie zum Beispiel im vergangenen Monat.

Das Internet als Chance für rechte Parteien

Manfred Rouhs sieht derzeit vor allem Chancen, denn er ist Chef der ultrarechten Partei Pro Deutschland. Als Aktivist begann Rouhs einst, indem er eine Jugendzeitung druckte und an Schulen verteilte. Das Internet, sagt er, hat alles verändert. „Früher haben wir nur ein paar Tausend Leute erreicht, jetzt erreichen wir jede Woche Hunderttausende“, sagt Rouhs in seinem Büro in Ost-Berlin. Das Büro ist mit Plakaten vollgestellt, die ein Verbot von Burkas im öffentlichen Dienst fordern.

Pro Deutschland ist eine sehr kleine politische Partei mit 1200 Mitgliedern. Selbst die Facebookseite hat nur 20.000 Fans. Eine der Einnahmequellen ist der Verkauf von „Rapefugees“-Shirts über die Seite PI-News. Die T-Shirts hat Pro Deutschland nach der Silvesternacht in Köln erstellt. Bei den Wahlen am Sonntag unterstützt Pro Deutschland die AfD und stellt keine eigenen Kandidaten auf.

Rouhs hat sich viel mit rechten Medienstrategien beschäftigt. Er sagt, er habe sich von einem britischen Kommunikationsberater helfen lassen. Dieser habe ihm geraten, auf Pro Deutschlands Facebookseite keine Meinungen, sondern Fakten zu veröffentlichen. Das würden die Leute bevorzugen. Rouhs glaubt zudem, dass diese Inhalte glaubhaft sein müssten, auch wenn Fake News mehr Nutzer anziehen würden. „Wenn wir nicht glaubwürdiger sind als die Massenmedien, werden wir zwar weiterhin gelesen, aber nur noch als Unterhaltung.“

Wenn mehr Leute auf Seiten wie PI-News gehen, werde es leichter für die Leute, ihre wahren Gefühle über Einwanderung loszuwerden, sagt Rouhs, und verweist auf die Theorie der „Schweigespirale“ der Kommunikationsforscherin Elisabeth Noelle Neumann. Mehr Seiten böten nun „mehr Bestätigung“ für die Sicht dieser Leute an.

Rouhs glaubt, dass es in Deutschland einen Markt geben könnte für eine Seite wie Breitbart. Im vergangenen Jahr kündigte Breitbart an, in Deutschland eine Version seiner Seite zu starten. Das hat einige Medien verunsichert, vor allem nachdem Breitbart eine Geschichte veröffentlichte, nach der Flüchtlinge angeblich eine historische Kirche in Dortmund angezündet haben sollen – was sich später als falsch herausgestellt hat. Derzeit sieht es allerdings so aus, als würde Breitbart doch nicht nach Deutschland kommen.

Andre Haller ist Medienexperte von der Universität Bamberg. Haller glaubt, dass in der nahen Zukunft eine starke Medienszene entstehen wird, die sich gegen die Massenmedien richtet – ähnlich wie in den USA. „Im Jahr 2000 hatten die USA nur Fox News und ein paar Blogs von Verschwörungstheoretikern. Jetzt haben wir Breitbart“, sagt Haller. „Ich glaube, dass dieses Phänomen sich auf die übrigen westlichen Demokratien übertragen wird.“

Diese Recherche veröffentlicht BuzzFeed News Deutschland gemeinsam mit „The Bureau of Investigative Journalism“ in London, ein gemeinnütziges Recherchezentrum, das seine Arbeit unter anderem über Spenden finanziert.


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Researcher, reporter, author of "Negative Publicity: Artefacts of Extraordinary Rendition"

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