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Viele deutsche Medien würden über einen Bundestagsleak vor der Wahl berichten

Wikileaks hat 70.000 E-Mails veröffentlicht, die angeblich mit Emmanuel Macron in Verbindung stehen. Wir haben deutsche Medien von Tagesschau bis RT Deutsch gefragt, wie sie mit einem Leak deutscher E-Mails umgehen würden.

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Innerhalb weniger Minuten hatten den Wikileaks-Tweet am Montagmorgen mehrere Hundert Menschen verbreitet. “21.075 verifizierte, durchsuchbare E-Mails aus der Wahlkampfkampagne von Präsident Macron”, schreibt Wikileaks. Wer klickt, findet sogar mehr als 70.000 E-Mails. Viele dieser E-Mails scheinen belanglos zu sein: Google Alerts auf den Namen Macron, Newsletter oder Werbung für Urlaubsreisen – klassischer Spam.

RELEASE: 21,075 verified searchable emails from the campaign of President Macron #MacronEmails #MacronLeaks… https://t.co/pjp13udTkw

Der Leak zeigt: Wikileaks veröffentlicht weiterhin – und weiterhin unabhängig davon, ob das Material politisch relevant ist. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass vor der Bundestagswahl am 24. September E-Mails aus der deutschen Politik veröffentlicht werden.

Leaks verändern die politische Stimmung – und können ganz konkrete Konsequenzen haben. Wie stark diese Konsequenzen sind, hängt noch immer stark davon ab, ob und wie Massenmedien darüber berichten. In den USA haben Medien von Fox News über die New York Times bis hin zu CNN zum Teil exzessiv über die kleinsten Details der geleakten E-Mails der demokratischen Partei berichtet. Einige Beobachter gehen davon aus, dass diese Berichte Trump mit zum Wahlsieg verholfen haben.

If Russia or any other country or person has Hillary Clinton's 33,000 illegally deleted emails, perhaps they should share them with the FBI!

In Frankreich war es genau umgekehrt: Beim ersten Macron-Leak, kurz vor der Wahl, hielten sich die Medien zurück. Das lag auch daran, dass es in Frankreich verboten ist, am Wahlwochenende über Dinge zu berichten, die als Wahlwerbung verstanden werden könnten.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass auch in Deutschland vor der Wahl E-Mails und interne Dokumente von Politikern im Internet veröffentlicht werden.

Die ZEIT hatte im Mai veröffentlicht, dass bei einem Hack des Bundestages im Mai 2015 insgesamt mindestens 16 Gigabyte Daten von mindestens 16 Abgeordneten erbeutet wurden. Die Recherche zeigt, dass der Hack vermutlich von der gleichen Gruppe verübt wurde, die auch die amerikanischen Clinton-E-Mails gehackt und veröffentlicht hat – vermutlich die russische Hackergruppe "Fancy Bear". Seitdem wurden mehrere weitere politische Einrichtungen in Deutschland attackiert.

Wie würden deutsche Medien mit solch einem Leak in den letzten Wochen vor der Wahl umgehen? Wie haben sie sich darauf vorbereitet? BuzzFeed News hat knapp 30 deutsche Chefredakteure und Verleger gefragt, von Mainstream bis alternativ, von ganz links bis ganz rechts, vom Neuen Deutschland bis zur Achse des Guten.

Henryk Broder, auch Autor bei der Welt, antwortete für die "Achse des Guten" – kurz und knapp: "die Umfrage ist ein hoax, oder?" Als BuzzFeed News bestätigte, dass die Fragen ernst gemeint sind und zahlreiche Medien auch schon geantwortet hätten, schreibt Broder nur ein Wort zurück: "Glückwunsch!"

Auch RT Deutsch, der deutsche Ableger des russischen Staatssenders Russia Today, beweist Humor. “Falls sie wirklich einen Ratschlag wollen, um sich auf Leaks vorzubereiten, empfehlen wir Ihnen, einen RT-Regenschirm zu nutzen.” RT Deutsch schreibt, Russland sei freigesprochen worden von jeglichen Anschuldigungen, die mögliche Bundestagsleaks betreffen. “Aber wir geben zu, das ‘Beschuldige Russia’-Spiel ist natürlich spannender.”

“Beim Anblick ihrer Fragen wollen wir nicht einmal versuchen, uns vorzustellen, welche journalistischen Grundsätze bei BuzzFeed Anwendung finden”, schreibt RT Deutsch. “Aber hier bei RT richten wir unsere Entscheidungen nach tatsächlichen News und Fakten, wenn sie passieren, nicht nach zukünftigen Hypothesen.”

Viele traditionelle Massenmedien wollen im Zweifel über einen E-Mail-Leak berichten, auch wenn er politisch motiviert ist. Gleichzeitig haben sich bislang offenbar die wenigsten konkret darauf vorbereitet.

Zeit Online

Eine Ausnahme ist Zeit Online. In der Redaktion hat sich eine Gruppe von Redakteuren mit einem möglichen Bundestagsleak beschäftigt – und den moralischen Problemen, die hinter einer Berichterstattung stehen. “Leaks vor Wahlen verfolgen ein politisches Ziel”, schreibt der stellvertretende Chefredakteur Martin Kotynek. “Hier gilt es, sich vor der Berichterstattung zu fragen, wer von dem Leak profitiert.” Im Zweifel gehe Genauigkeit vor Schnelligkeit. “Ist die Erkenntnis relevant, werden Persönlichkeitsrechte gewahrt, lässt sich die Information durch eine zweite Quelle verifizieren?” Grundsätzlich würde Zeit Online aber auch über geleakte E-Mails aus dem Bundestag berichten.

Süddeutsche Zeitung

“Wir haben uns bisher keine Gedanken dazu gemacht”, sagt Wolfgang Krach, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, im Telefonat mit BuzzFeed News. “Da kann man jetzt sagen, dass das unvernünftig ist, weil man weiß, dass die schon in zwei Wahlkämpfe eingegriffen haben.” Hypothetisch sei solch eine Frage allerdings schwer zu beantworten. “Wenn es politisch relevant ist, spricht viel dafür, dass wir berichten. Wenn es die Privatsphäre der Politiker betrifft, dann eher nicht.” Online-Chefredakteur Stefan Plöchinger schreibt, dass man mögliche Geschichten “gerade in der Minutenaktualität des Netzes” von allen relevanten Seiten evaluieren müsse. Mit dem möglichen Motiv der Leaker müsse man offen und mit den Informationen verantwortlich umgehen – “selbst wenn Konkurrenzseiten anders agieren sollten”.

Spiegel Online

“Wir bereiten uns nicht hypothetisch auf einen solchen Fall vor, sondern entscheiden in der konkreten Situation und bewerten jeweils die Umstände”, schreibt Barbara Hans, Chefredakteurin von Spiegel Online. “Technisch sind wir durch unsere Erfahrung in der Arbeit mit anderen Leaks in der Lage, mit solchen Daten umzugehen.”

Stern

Der Stern will sich zu einer rein hypothetischen Fragen nicht äußern.

Tagesschau

“Ob und in welchem Umfang über geleakte Informationen berichtet wird, hängt davon ab, wieviel Zeit zur Verifizierung verbleibt und von der Brisanz der Informationen”, schreibt die ARD-Tagesschau auf Anfrage. In der ARD kämen für entsprechende Stücke Redaktionen wie das Hauptstadtstudio in Frage, aber auch die politischen Magazine oder das Team Faktenfinder.

Deutschlandfunk

Die Chefredaktion des Deutschlandfunks fühlt sich gut vorbereitet. "Wichtig bleibt bei allen Meldungshypes und allem Tempo, auch medieninszeniertem Tempo: Die Glaubwürdigkeit des Deutschlandfunks. Darauf kommt’s uns an!“

T-Online / Ströer

Auch der neue Newsroom von T-Online würde “die vorliegenden Informationen sorgsam prüfen und dann über die Veröffentlichung entscheiden”, schreibt Arne Henkes, Director Content der Ströer Content Group.

Junge Freiheit

Die Junge Freiheit möchte “aufgrund der hypotethischen Thematik” keine abschließende Antwort geben. Abhängig sei die Einzelfallentscheidung von der Art und Brisanz des Leaks, schreibt die Geschäftsführung.

Tichys Einblick

“Prinzipiell prüfen wir bei Dokumenten, die uns zugespielt werden, sehr sorgfältig Herkunft und Authentizität”, schreibt Roland Tichy von Tichys Einblick. “Bei fragwürdiger Quellenlage – und das ist sehr häufig der Fall – verzichten wir auf Veröffentlichung.”

Neues Deutschland

Bereits das mediale Erwarten von Bundestagsleaks, schüre womöglich selbst schon Misstrauen und Verunsicherung, schreibt Tom Strohschneider, Chefredakteur von Neues Deutschland. “Wenn das das Interesse jener ist, die für die Leaks sorgen, wäre das zu bedenken.” Eine spezielle Vorbereitung für mögliche Leaks gebe es nicht. Bei den Leaks spiele aber die mutmaßliche Herkunft eine wichtige Rolle.


Nicht geantwortet haben auf Anfrage von BuzzFeed News: ZDF, FAZ, BILD, Focus, Welt, taz, und Tagesspiegel, Compact, Ruptly und der Deutschland-Kurier. Der Spiegel und die Bild haben über das Thema auch mit der New York Times gesprochen.

Daniel Drepper ist Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland. Für seine Recherchen erhielt unter anderem den Wächterpreis, den Axel-Springer-Preis und den Ernst-Schneider-Preis. Kontakt: daniel.drepper@buzzfeed.com.

Contact Daniel Drepper at daniel.drepper@buzzfeed.com.

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