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Der größte Tabakkonzern der Welt wollte gute Presse - doch das ging nach hinten los

Hört auf, Tabak zu produzieren oder zu bewerben! Das hat ein Institut für Menschenrechte jetzt Philip Morris International empfohlen, dem Hersteller von Marlboro.

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Philip Morris International gehören Marken wie Marlboro, L&M oder Gauloises. Der Konzern hat genau das Image, das man beim größten Tabakkonzern der Welt erwarten würde. Im vergangenen Sommer bat Philipp Morris wohl auch deshalb das staatlich finanzierte Dänische Institut für Menschenrechte um einen Report.

Wie gut kümmert sich Philipp Morris weltweit um die Menschenrechte? Was kann der Konzern besser machen? Das Ergebnis ist vermutlich das Gegenteil von dem, was sich Philip Morris erhofft hatte.

Die Dänen schreiben, der Konzern dürfe "keinen Tabak mehr produzieren oder bewerben”, wenn er die Regeln der Vereinten Nationen für menschenwürdige Geschäfte einhalten will.

90.000 Euro für einen Menschenrechts-Report

Ein härteres Urteil hätte Philip Morris kaum kassieren können. Dabei läuft für den Tabakkonzern zunächst alles nach Plan. Das dänische Institut stimmt einer Kooperation zu. Gut 90.000 Euro zahlt der Zigarettenhersteller am Ende dafür, teilen die Dänen auf Anfrage von BuzzFeed News mit. Dafür setzen sich Mitarbeiter des Institutes mit den Mitarbeitern von Philip Morris zu einem Workshop zusammen und führen mehrere Interviews.

Anfang Dezember 2016 verkünden der Konzern und das Institut die auf ein Jahr angelegte Zusammenarbeit auf ihren Webseiten.

Ein paar Wochen geschieht nichts, bis Ende Januar eine deutsche Anti-Tabak-Aktivistin auf die Zusammenarbeit aufmerksam wird. Sie informiert die deutsche Organisation Unfairtobacco, die wiederum ihren Kollegen Bescheid gibt.

Sofort ist “Action on Smoking and Health” mit im Boot, die älteste Anti-Tabak-Organisation der USA. Gemeinsam informieren sie die Dänische Krebsgesellschaft, damit diese vor Ort das Dänische Institut für Menschenrechte anspricht.

Aktivisten machen Druck über Social Media

Einen Monat lang versuchen die dänischen Krebsexperten, das Institut dazu zu bringen, die Kooperation zu beenden, dann schalten sich die internationalen Kollegen ein, beraten sich – und schlagen am 3. Mai zu. Sie setzen ein zweiseitiges Schreiben an das Institut auf, das von gut zwei Dutzend Organisationen aus der ganzen Welt unterschrieben ist.

Gleichzeitig kündigen ASH und Unfairtobacco einen Thunderclap für den 17. Mai an. Unter dem Hashtag #QuitPMI sollen dann zahlreiche Organisationen und Menschen auf Twitter, Facebook und Tumblr gleichzeitig einen Stop der Zusammenarbeit fordern.

State-funded @HumanRightsDK must #QuitPMI collaboration. PMI is a wolf in sheep's clothing. Join our Thunderclap vi… https://t.co/fSoZLlhrSD

Please join your Thunderclap below @cacecar @lewest @JLCastroGarcia @shobha1shukla @AfricaNoTobacco @Theatfi… https://t.co/uEXymYnCVr

Einen Tag später verkündet das Dänische Institut für Menschenrechte das Ende der Zusammenarbeit mit Philip Morris, dabei waren das Schreiben und der Thunderclap noch nicht einmal veröffentlicht.

Die Aktivisten machen weiter Druck, kontaktieren die Dänen. Sie wollen, dass das Institut "seine Haltung gegenüber der Tabakindustrie deutlicher macht, weil das erste Statement eher vage gehalten war", schreiben ASH und Unfairtobacco in einer Zusammenfassung der Ereignisse, die sie BuzzFeed News zugeschickt haben.

Und tatsächlich ändert das Institut sein Statement am 11. Mai, eine Woche später. Jetzt schreiben die Menschenrechtler, Philip Morris solle die Produktion und das Marketing von Tabakprodukten "sofort einstellen", da Tabak "extrem schädigend für die menschliche Gesundheit ist und es keine Zweifel gibt, dass die Produktion und der Vertrieb von Tabak nicht mit dem Menschenrecht auf Gesundheit vereinbar ist."

Das Statement ist für die Aktivisten besonders spannend, hat Philip Morris in der Vergangenheit doch mehrmals versprochen, die Produktion von Tabak "sofort zu beenden", wenn bewiesen sei, dass Zigaretten Krebs verursachen.

Auf Anfrage von BuzzFeed News antwortet Philip Morris' Pressesprecher Iro Antoniadou nur mit einem Verweis auf ein bereits veröffentlichtes Statement. "Die Expertise des Institutes hat Philip Morris International geholfen, unsere Risiken und Lücken besser zu verstehen."

Auf die Frage von BuzzFeed News, ob der Konzern die Produktion von Zigaretten jetzt einstellen werde, gab Pressesprecher Antoniadou keine Antwort.

Die Tabakindustrie ist dafür bekannt, dass sie versucht, auf Politik und Gesellschaft Einfluss zu nehmen. Selbst die WHO hat die Industrie immer wieder versucht zu beeinflussen.

Ein Report der WHO aus dem Jahr 2000, in dem zahlreiche Einflussversuche der Tabakindustrie dokumentiert sind.

Seitdem in Europa oder den USA die Regeln für den Verkauf von Zigaretten immer härter werden, investieren die Konzerne in kleinere Länder mit schwächeren Regeln – und leichter zu beeinflussenden Regierungen. Der Comedian John Oliver's hat dies vor zwei Jahren in seiner Sendung Last Week Tonight sehr gut zusammengefasst.

Die klare Ansage des Dänischen Instituts für Menschenrechte war für die Anti-Tabak-Aktivisten deshalb ein sehr wichtiger Schritt. "Die Tabakindustrie versucht sich mit solchen Kooperationen als seriöser Teilhaber an politischen und gesellschaftlichen Diskussionen darzustellen", schreiben Unfairtobacco und ASH in einer Stellungnahme für BuzzFeed News. "Wenn ihnen das gelingt, untergräbt das Jahrzehnte der Tabakkontroll-Politik."

Daniel Drepper ist Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland. Für seine Recherchen erhielt unter anderem den Wächterpreis, den Axel-Springer-Preis und den Ernst-Schneider-Preis. Kontakt: daniel.drepper@buzzfeed.com.

Contact Daniel Drepper at Daniel.Drepper@buzzfeed.com.

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