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Alle großen Parteien nutzen Facebook-Anzeigen – aber noch sind die ziemlich langweilig

BuzzFeed News macht mit einer Erweiterung für Firefox und Chrome den Wahlkampf transparenter.

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Alle sieben großen Parteien nutzen bezahlte Anzeigen auf Facebook. Die meisten dieser Anzeigen sind bislang vergleichsweise erwartbar. Es sind die offiziellen Wahlkampf-Videos, die beworben werden oder Veranstaltungen mit den Kandidaten. Offenbar kommt auch der digitale Wahlkampf in Deutschland bisher noch nicht richtig in Schwung.

Das zeigt eine erste Auswertung von Facebook-Anzeigen der Parteien durch BuzzFeed News, gemeinsam mit t-online.de und WhoTargetsMe. In den vergangenen Tagen haben wir mit einer extra für den deutschen Wahlkampf programmierten Software rund 16.000 Anzeigen auf Facebook gesammelt, bisher sind rund 200 davon durch politische Parteien bezahlt worden.

Die AfD zum Beispiel greift mit Bikinis...

facebook.com

... und Burgunder ein angebliches Burka-Problem auf.

facebook.com

Die CSU bewirbt einen "360-Grad-Stammtisch" mit Karl-Theodor zu Guttenberg...

Facebook: video.php

...während die Linke in NRW mit Gregor Gysi für die Briefwahl wirbt.

Facebook: video.php

Bisher gibt es offenbar kaum aggressive Attacken auf andere Parteien oder besonders provokante Botschaften. Zudem ist die Ausrichtung der Werbung sehr allgemein. Es werden Anzeigen beworben, aber offenbar kaum gezielt individuelle Kampagnen für entsprechende Untergruppen abgestimmt, sogenannte DarkAds.

Die Software von BuzzFeed News, t-online.de und WhoTargetsMe hat sehr viele Anzeigen von Facebookseiten der regionalen Parteibüros gefunden – einzelne Kandidaten oder Bezirke, die lokale Veranstaltungen bewerben. Das ist ein Unterschied zu den Wahlkämpfen in den USA oder Großbritannien, bei denen vor allem zwei große Parteien gegeneinander angetreten sind, diese sich dafür aber sehr oft sehr hart attackiert haben.

So könnt ihr mitmachen

Möglich machen diese Analyse derzeit rund 750 Nutzer, die für das Projekt eine Browser-Erweiterung heruntergeladen haben. In 259 der 299 Wahlkreise hat das Projekt mindestens einen Nutzer, der Daten für das Projekt liefert. Das ist eine Abdeckung von fast 90 Prozent aller Wahlkreise.

Mithelfen könnt ihr mit wenigen Klicks: Indem ihr eine kostenlose Software für euren Browser installiert. WhoTargetsMe hat für BuzzFeed News und t-online.de Erweiterungen für Chrome und Firefox entwickelt. Diese Erweiterung liest die Anzeigen auf Facebook aus und analysiert, welche Partei welche Anzeigen für welche Zielgruppe schaltet.

Hier könnt ihr euch die Chrome-Erweiterung herunterladen.

Hier könnt ihr euch die Firefox-Erweiterung herunterladen.

Die Reporter von BuzzFeed News und t-online.de werten die gesammelten Daten aus und berichten darüber. Im Anschluss können auch andere Medien darüber berichten. Je mehr Menschen mitmachen, desto mehr Anzeigen werden öffentlich – und desto besser wird über den geheimen Wahlkampf der Parteien aufgeklärt.

Bisher sind in Deutschland vergleichsweise wenige aggressive Facebook-Anzeigen der Parteien zu sehen. "Anders als in Deutschland hatten wir in Frankreich und Großbritannien zugespitzte Duelle“, sagt der Politikberater Martin Fuchs. „Hier haben wir dagegen 42 Parteien bei der Wahl und sieben werden es wohl ins Parlament schaffen.“ Zudem seien die Deutschen sensibler, was ihren Umgang mit Daten umgeht. Parteien könnte die aggressive Werbung deshalb schneller auf die Füße fallen.

Kampf um Transparenz

Transparente Facebook-Werbung ist für Fuchs auch langfristig wichtig. In den USA sei der Öffentlichkeit das Thema längst entglitten, Donald Trump nutze weiterhin DarkAds, um seine Anhänger auf sich einzuschwören. "Da gibt es keinerlei Umdenken." In Deutschland müsse man die Politik deshalb früh dazu bringen, transparent zu sein. "Es geht ja nicht nur jetzt um den Wahlkampf, sondern auch darum, wie es nach den Wahlen weitergeht."

„Es handelt sich um einen sehr themenarmen Wahlkampf, bei dem Online- und Offline-Grenzen verschwimmen", sagt Adrienne Fichter, Politologin und Journalistin beim Schweizer Medium Republik. Das habe man beim TV-Duell gesehen, bei dem „die Parteienaccounts auf Twitter in Echtzeit mit professionell aufbereiteten Quotes der beiden Kandidaten ergänzten."

Fichter ist aufgefallen, dass bisher kaum aggressive Digitalwerbung zu sehen war. „Ich könnte mir vorstellen, dass die ständige Konfrontation der Parteien und PolitikerInnen mit dem Thema Dark Ads zu einer Sensibilisierung beziehungsweise gar zu einer Prävention geführt hat.“

Die Recherche zu den DarkAds ist auch durch die Arbeit von Martin Fuchs und Adrienne Fichter inspiriert. Beide beschäftigen sich schon länger mit Microtargeting politischer Anzeigen und sammeln seit einigen Monaten unter dem Hashtag #PolitikAds die sogenannten DarkAds der Parteien.

BuzzFeed News wird weiterhin beobachten, ob der digitale Wahlkampf in den verbleibenden Wochen bis zur Wahl anziehen wird. Ganz unwahrscheinlich ist das nicht. "Wir sind beim Netz-Wahlkampf noch nicht am Höhepunkt angelangt. Da kommt noch einiges", hatte Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt vergangenen Woche im Interview mit BuzzFeed News gesagt.


Rebecca Hendlin / BuzzFeed

Dark Ads haben geholfen, Trump zum Präsidenten zu machen. Sie haben den Brexit befeuert. Doch spielen diese dunklen Anzeigen auch im deutschen Wahlkampf eine Rolle? BuzzFeed News will den geheimen Wahlkampf auf Facebook transparent machen – und dafür brauchen wir eure Hilfe.


Daniel Drepper ist Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland. Für seine Recherchen erhielt unter anderem den Wächterpreis, den Axel-Springer-Preis und den Ernst-Schneider-Preis. Kontakt: daniel.drepper@buzzfeed.com.

Contact Daniel Drepper at daniel.drepper@buzzfeed.com.

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