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Ariel Davis for BuzzFeed News

Wie Twitter Konten in verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt blockiert

BuzzFeed News hat mehr als 1.700 Twitter-Konten gefunden, die in mindestens einem Land gesperrt wurden. Die Liste gibt einen bislang beispiellosen Einblick in die Zusammenarbeit von Twitter mit Regierungen – demokratischen wie autoritären. Und sie zeigt: Die Zahl blockierter Konten steigt vor allem in Deutschland, Frankreich und der Türkei.

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Im zweiten Halbjahr 2017 wurde in Deutschland und Frankreich eine noch nie dagewesene Anzahl von Twitter-Accounts blockiert. Wie von BuzzFeed News erhobene Daten zeigen, ist dies auf eine steigende Zahl von Anträgen von Regierungen, NGOs und anderen Organisationen zurückzuführen. Die Daten zeigen auch, wie Forderungen der türkischen Regierung dazu geführt haben, dass Twitter Hunderte von Nutzern aus offenbar politischen Gründen blockiert.

Twitter nennt den Prozess der Sperrung von Accounts (und einzelnen Tweets) in bestimmten Ländern auch „Zurückziehen”. Inhalte von in Deutschland zurückgezogenen Accounts sind beispielsweise für Twitter-Nutzer in Deutschland nicht sichtbar, bleiben das aber für Nutzer in allen anderen Ländern.

Twitter veröffentlicht regelmäßig einen sogenannten „Transparenzbericht” über die Anzahl der Anfragen von verschiedenen Regierungen sowie von „geprüften Meldern/ Reportern”. Das sind NGOs und andere soziale oder industrielle Gruppen, die in Europa dabei helfen, Verstöße gegen den „EU-Verhaltenskodex gegen Online-Hassreden” zu melden. Die Richtlinie des Unternehmens zu zurückgezogenen Inhalten erklärt, man leiste gerichtlichen Verfügungen oder Ersuchen von Regierungsbeamten und Strafverfolgungsbehörden Folge, wenn sie die Kriterien des Unternehmens erfüllen.

Twitters Transparenzbericht zeigt zwar eine Statistik zurückgezogener Accounts – allerdings veröffentlicht Twitter weder eine Liste betroffener Konten noch Antworten auf Fragen zu bestimmten Accounts oder einzelnen Entscheidungen.

Um dennoch einen Überblick über die zurückgezogenen Accounts zu bekommen hat BuzzFeed News eine Gruppe von mehr als 1.700 Accounts ausgewertet, die zwischen Oktober 2017 und Januar 2018 in mindestens einem der sieben Länder Deutschland, Frankreich, Türkei, Russland, Großbritannien, Brasilien oder Indien zurückgezogen wurden. Da Twitter eine solche Liste nicht veröffentlicht und da einige der Accounts zwischenzeitlich gelöscht wurden, ist die Auswertung nicht vollständig. Nichtsdestotrotz ist sie vermutlich die detaillierteste und globalste, die bislang veröffentlicht wurde. (Wie wir die Daten erhoben haben, erklären wir am Ende des Artikels unter „Wie wir die Daten erhoben haben.”)

Die Auswertung ermöglicht einen einmaligen Einblick in die Zusammenarbeit von Twitter mit nationalen Gruppen und Regierungen – demokratischen wie autoritären – und zeigt deutlich nicht nur die Fähigkeit von Twitter, politische Gespräche zu beeinflussen, sondern auch die Versuche von Regierungen, das zu tun. Sie zeigt auch, dass es für Nutzer von Land zu Land verschieden ist, wie sie Twitter erleben, und dass eine Reihe von Konten, von bösartig bis harmlos, blockiert wird – vor allem oppositionelle Stimmen in der Türkei und Inhalte von Rechtsextremisten und Rassisten in Frankreich und Deutschland.

Enormer Anstieg in Deutschland und Frankreich

In der zweiten Hälfte des Jahres 2017 ist die Zahl der Accounts und Inhalte, die von deutschen Behörden oder vertrauenswürdigen Meldern gemeldet wurden, deutlich angestiegen – und Twitter folgte Hunderten von Anfragen dazu.

Ende Juni 2017 waren nur 35 Accounts in Deutschland ausgeblendet, so steht es in Twitters eigenem „Transparency Report”. Mitte Oktober, nur einige Wochen nach der Wahl, konnte BuzzFeed News mehr als 600 solcher Accounts finden – ein enormer Anstieg.

Sowohl Twitter als auch die deutsche Agentur, die für Anfragen zur Löschung von Inhalten verantwortlich ist, lehnten es ab, den Anstieg der Zahlen zu kommentieren. Eine mit Twitters Richtlinien sehr vertraute Quelle erklärte BuzzFeed News allerdings, dass das Netzwerk in Folge von Terroranschlägen oder Unruhen einen Anstieg solcher Anfragen weltweit beobachtet. Das Programm, mit dem bestimmte Inhalte in manchen Ländern ausgeblendet werden, betreibt Twitter seit 2012. (Erstmals zur Anwendung kam es im November 2012, als ein Account einer Neo-Nazi-Gruppe in Deutschland ausgeblendet wurde.)

Wie in Deutschland sind auch in Frankreich im Herbst 2017 die ausgeblendeten Inhalte stark gestiegen. Bis Ende Juni hielt Twitter in Frankreich weniger als 25 Konten zurück. Mitte Oktober konnte BuzzFeed News dort bereits mehr als 200 zurückgehaltene Konten ausfindig machen.

BuzzFeed News konnte überdies 119 Accounts finden, die sowohl in Deutschland als auch in Frankreich ausgeblendet werden – die mit Abstand häufigste Kombination zweier Länder in unserem Datensatz. Eine Untersuchung der Benutzernamen, der Profilbeschreibungen und einiger Inhalte, die von den in diesen beiden Ländern zurückgehaltenen Konten veröffentlicht wurden, ergab, dass ein beträchtlicher Teil von ihnen rassistische oder nationalistische Ideologien weißer Vorherrschaft und die damit verbundenen Gedankenwelt vertrat. Sowohl Frankreich als auch Deutschland haben relativ strenge Gesetze gegen öffentliche Verbreitung von Hass. Gleichwohl können Konten in diesen Ländern auch blockiert werden, weil sie gegen Gesetze verstoßen, die nichts mit Hassrede zu tun haben.

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Mehr als 100 der ausgeblendeten Accounts enthielten Hakenkreuze oder die Worte „Nazi” oder „Hitler” im Benutzername oder im Profiltext. Andere nutzten Anspielungen auf den Nationalsozialismus, Zahlencodes wie „14/88” oder SS-Runen.

Anstatt diese Konten direkt zu sperren, entschied sich Twitter, sie auszublenden, wenn Behörden entsprechende Anfragen einreichten. Das entspricht der oft geäußerten Kritik, Twitter habe es diesen Gruppen erst ermöglicht, auf der Plattform groß zu werden – und es passt auch zur 2011 erstmals formulierten Haltung des Unternehmens, dass „wir die Informationen ungeachtet unserer Ansichten über den Inhalt behalten”, es sei denn, Gesetze in bestimmten Ländern verhindern das.

Twitter als Werkzeug zur Unterdrückung in der Türkei

Ein weiteres Land, das in den Daten eine wichtige Rolle spielt, ist die Türkei, die sich durch eine umfangreiche Nutzung von Twitters Haltung zur Zurückhaltung von Inhalten hervortut, um damit oppositionelle Stimmen auf der Plattform zum Schweigen zu bringen. Die eigenen Transparenzberichte von Twitter zeigen auch, dass die Türkei zwischen 2014 und Mitte 2017 bei weitem mehr Anfragen zur Entfernung von Konten oder Tweets gestellt hat, als jedes andere Land.

„Twitter und Facebook sind zum langen Arm der türkischen Verfolgungs-Maschine geworden”, sagt Yaman Akdeniz, Jura-Professor an der Bilgi Universität Instanbul und Aktivist für Cyber-Rechte, gegenüber BuzzFeed News.

Für die zweite Hälfte des Jahres 2017 hat Twitter noch keinen Transparenzbericht veröffentlicht. Jüngste Daten aber legen nahe, dass türkische Behörden das Unternehmen mit mehr als 2.700 Anfragen geradezu überschwemmt haben – und das nur im ersten Halbjahr 2017. (Twitter hat 204 Profile und 497 Tweets als Reaktion auf die Anfragen ausgeblendet.) Twitters Veröffentlichungen zufolge hat das Unternehmen seit Etablierung seiner Lösch-Politik von der Türkei insgesamt 11.887 Anfragen zum Ausblenden von Profilen oder bestimmten Tweets bekommen.

Bei genauerer Betrachtung der über 700 Accounts, die in der Türkei ausgeblendet sind, fällt auf, dass mehr als 600 von ihnen mit militanten pro-kurdischen Bewegungen oder mit der Bewegung des im Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen in Verbindung stehen. Die türkische Regierung beschuldigt Gülen und seine Anhänger, für den Putschversuch 2016 verantwortlich zu sein, und hat seine Bewegung zur terroristischen Vereinigung erklärt.

Eine weitere Gruppe von ausgeblendeten Profilen, die auffällt, ist die der Journalisten. So gehört der drittgrößte Account unter den von BuzzFeed News gefundenen zu Ekrem Dumanlı, ehemals Chefredakteur der Gülen-nahen Zeitung Zaman, bevor diese 2015 von türkischen Behörden beschlagnahmt wurde.

Damals war Akdeniz einer der Autoren eines Briefs an Twitter, in dem das Unternehmen aufgefordert wurde, das Blockieren von Accounts und Tweets in der Türkei zu unterlassen. Der Brief kritisiert besonders, dass komplette Accounts unsichtbar gemacht werden, im Unterschied zu einzelnen Tweets: „Wenn ein Account einmal ausgeblendet ist, ist alles, was von diesem geschrieben oder geteilt wurde, wird oder noch werden wird, weg. Nach meiner Auffassung ist das Zensur”, sagt Akdeniz.

Twitter wollte weder Fragen von BuzzFeed News beantworten noch unseren Datensatz oder die daraus gewonnenen Erkenntnisse. Auch wollte das Unternehmen nicht erklären, warum es keine Übersicht der Accounts auflistet, die in den jeweiligen Ländern ausgeblendet sind. Die für Löschanfragen zuständige türkische Behörde reagierte weder auf mehrere Mails noch auf Telefonanrufe oder eine Anfrage via Twitter. Auch die für Löschungen zuständige Stelle in Deutschland hat auf mehrere Anfragen via Mail oder Telefon nicht reagiert.

Ein Sprecher von Twitter verwies auf den Transparenzbericht des Unternehmens und zitierte aus den online verfügbaren „Informationen zu in einem Land zurückgezogenen Inhalten”.

„Viele Länder, u. a. die USA, haben Gesetze, die auch für den Inhalt von Tweets und/oder Twitter Accounts gelten können. Wir möchten unsere Services zwar eigentlich Menschen überall auf der Welt zur Verfügung zu stellen, aber es kann manchmal nötig sein, den Zugang zu bestimmten Inhalten in einem bestimmten Land zu unterbinden, wenn wir eine gültige Anfrage in ordnungsgemäßem Umfang von einer berechtigten Stelle erhalten”, heißt es dort.

Ausgeblendet: Ein globaler Überblick

Das Land mit den meisten ausgeblendeten Accounts in unserem Datensatz ist Deutschland mit 758, gefolgt von der Türkei mit 721 und Frankreich mit 261. BuzzFeed News hat auch 78 Accounts in Russland, 11 in Indien, 4 in Großbritannien und 2 in Brasilien finden können.

Der beliebteste Account in unseren Daten gehört zu Gurmeet Ram Rahim mit mehr als 3,5 Millionen Followern. Er kann von Nutzern in Indien nicht gesehen werden.

Rahims Account wurde Anfang September geblockt, auf eine Anfrage der Polizei des Staats Haryana, wie die „Times of India” berichtete, kurz nachdem der spirituelle Führer zweier Vergewaltigungen beschuldigt wurde. Neben Rahim haben mindestens 5 der 10 von BuzzFeed News gefundenen Accounts, die in Indien ausgeblendet bleiben, in ihrer Profilbeschreibung eine Verbindung zur umstrittenen Region Kashmir.

Der zweiterfolgreichste Account in unseren Daten gehört Twitter selbst: Es ist @PeriscopeCo mit mehr als 1,4 Millionen Followern und unsichtbar in der Türkei seit März. Er wurde damals angeblich wegen einer Urheberrechts- bzw. Markenrechtsbeschwerde gesperrt, nachdem eine türkische Werbeagentur, die bereits unter dem Namen Periscope tätig war, diese eingereicht hatte.

Der erfolgreichste Account, der in mehreren Ländern ausgeblendet wird, gehört „Amy Mek”, gesperrt sowohl in Deutschland als auch in Frankreich. Der Profilbeschreibung zufolge ist sie eine Psychotherapeutin aus den USA. Ihre Timeline ist voll von islamfeindlichen Videos, Bildern und Nachrichten. Sie hat auch diverse Fake News verteilt, wie zum Beispiel die erfundene Geschichte, dass der Anführer des sogenannten „Islamischen Staats” zur Wahl von Hillary Clinton aufgerufen haben soll. Der Account verteilt ständig Videos mit irreführenden oder falschen Beschreibungen. Die Häufigkeit, mit der er postet und andere Details legen für manche den Schluss nahe, es handele sich um nicht um eine gefälschte Identität, und dass es sich um ein aus Russland gesteuertes Profil handeln könnte. Nachdem Jake Tapper von CNN einen Link geteilt hatte, der Fragezeichen über die Echtheit des Profils aufgeworfen hatte, antwortete Mek mit dem Angebot, in seiner Show aufzutreten. Tapper antwortete darauf nicht.

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Auf Direktnachrichten von BuzzFeed News mit der Bitte um ein Gespräch für diesen Artikel hat der Account nicht geantwortet. Allerdings hat er sich diverse Male in Tweets über die Sperre geäußert.

Wenn Twitter sich entscheidet, einen Account auszublenden, bekommt dessen Besitzer eine Benachrichtigung per Mail darüber, wo der Account gesperrt wurde und warum.

Die betroffenen Accounts twittern, wenn sie erstmals benachrichtigt wurden, oft über ihren Status. BuzzFeed News fand heraus, dass das Wort „withheld” in mindestens 105 Profilbeschreibungen von Accounts, die in manchen Ländern unsichtbar sind, vorkommt. Der Großteil dieser Accounts nutzt diesen Text (mit dem jeweils betreffenden Land) in der Profilbeschreibung: „This account has been withheld in: [country name].” („Dieser Account wurde ausgeblendet in: [Name des Landes]”). Das ist exakt die Nachricht, die Twitter nutzt, um Nutzer über die Sperre zu informieren. So soll der Eindruck erweckt werden, dass viele Nutzer den Text in ihre Profilbeschreibungen kopieren.

Einige der Accounts scheinen diese Mitteilung als Auszeichnung zu begreifen, während andere sie als Protest gegen eine als unfair empfundene Form der Zensur aufzufassen scheinen.

Sowohl Daten aus Twitters eigenem Transparenzbericht als auch solche aus anderen Quellen zeigen, dass Twitter viele offizielle Anfragen nach einer Sperre von Accounts oder Tweets ablehnt. So hatte beispielsweise die russische Regierung bei Twitter nach einer Sperre des Accounts von „OpenRussia” gefragt, der führenden Oppositionspartei, deren Anführer kürzlich eine Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen untersagt wurde. Twitter hatte eine gerichtliche Anordnung erhalten und OpenRussia darüber auch informiert. Allerdings unternahm das Netzwerk keine weiteren Schritte. (OpenRussia ist seitdem über einen neuen Account namens @MBKhMedia erreichbar.)

Twitters Programm zum Ausblenden von Inhalten operiert in den meisten Fällen unter dem Radar. Aber in der jüngeren Zeit bekam das Programm einige Aufmerksamkeit, nachdem einige Nutzer berichtet hatten, sie sähen weniger Nazi- und Rechtsextremisten-Inhalte, seit sie in den Einstellungen ihren Standort in „Deutschland” geändert hatten. Ein Tweet von Viriginia Heffernan, Autorin und Kolumnistin der Los Angeles Times, ging sogar viral: Sie schrieb, die Leute können Nazi-Accounts einfach verschwinden lassen, indem sie nur ihre Nutzereinstellungen änderten.

BuzzFeed News konnte ebenfalls herausfinden, dass es für einen Account, der irgendwo ausgeblendet wird, möglich ist, das zu umgehen. Seit dem frühen Januar sind neun Accounts, die BuzzFeed News vorher als in bestimmten Ländern ausgeblendet identifiziert hatte, wieder für alle User sichtbar. Unklar ist, warum diese Accounts wieder freigeschaltet wurden; Twitter wollte sich zu einzelnen Profilen nicht äußern. BuzzFeed News hat auch die Eigentümer der betroffenen Accounts kontaktiert, jedoch keine Rückmeldungen erhalten.

Darüber hinaus waren 193 Accounts, die in einem früheren Suchlauf als ausgeblendet identifiziert werden konnten, Anfang Januar bereits nicht mehr zugänglich - in einigen Fällen, weil sie deaktiviert wurden, in anderen, weil sie gelöscht worden waren. Weitere 84 Accounts wurden auf „vorübergehend nicht erreichbar” gesetzt, weil sie, so Twitters Ausführungen, „die Twitter Media Policy verletzt haben.”

Am 18. Dezember began Twitter damit, striktere Regeln (wie Twitter es selbst nannte) gegen Accounts, die Hass verbreiteten, einzuführen. Diese neuen Regeln bedeuten, dass das Netzwerk nun bestimmte Accounts, die man vorher schlicht ausgeblendet hätte, vollständig einfriert. Unmittelbar nachdem diese neuen Regeln eingeführt wurden, wurden von Twitter Accounts mit den Namen @theAmericanNazi, @NaziParty45, und @FuckthoseJews von der Plattform verbannt.


Wie in der Türkei die Opposition blockiert wird

In der Türkei scheinen der Präsident, die Gerichte und die nationale Telekommunikationsbehörde gemeinsam einen Staatsapparat zum massenhaften Entfernen von Inhalten geformt zu haben.

Als 2013 im Gezi-Park und anderswo die Proteste gegen die türkische Regierung hochkochten, entwickelte sich Twitter zu einem mächtigen Werkzeug für die Organisation der Proteste und das Gewinnen von Aufmerksamkeit für ebenjene. Ein Jahr später befand sich der Dienst selbst im Fadenkreuz der Regierung, nachdem die Nutzer anfingen, Dokumente und Korruptionsvorwürfe gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Regierung zu twittern. Erdogan reagierte während seiner Wahlkampagne und sagte, dass er den Dienst „ausrotten” wolle.

„Wir haben jetzt eine gerichtliche Verfügung”, sagte Erdogan. „Wir werden Twitter ausrotten. Es ist mir egal, was die internationale Gemeinschaft sagt. Jeder wird die Macht der türkischen Republik erleben.”

Kurz danach, und weniger als zwei Wochen vor den Wahlen 2014, wurde berichtet, dass twitter.com in der Türkei offline sei. Auch 2016 wurde Twitter, im Windschatten des Putschversuchs gegen Erdogan, geblockt, ebenso nachdem der sogenannte „Islamische Staat” ein grausames Video veröffentlicht hatte, in dem er vermutlich türkische Soldaten tötete.

Vor 2014 hatte die Türkei nur 16 Anfragen an Twitter gestellt, um die Entfernung von Accounts oder bestimmter Tweets zu erreichen, und allesamt wurden sie von Twitter abgelehnt. Danach, im ersten halben Jahr 2014, waren es schon 186 Anfragen, die in der Sperre von 17 Accounts mündeten. Seitdem ist die Zahl der Anfragen und der ausgeblendeten Accounts (und Tweets) kontinuierlich gestiegen.

BuzzFeed News hat mit zwei türkischen Journalisten – Engin Onder und Can Puruzsuz von 140journos, die über ausgeblendete Accounts in der Türkei berichtet haben – zusammengearbeitet, um die Liste der mehr als 700 Accounts in unserem Datensatz zu analysieren. Sie haben herausgefunden, dass der größte Teil der ausgeblendeten Accounts zu zwei Gruppen gehört: Anhängern pro-kurdischer Bewegungen wie der militanten Kurdischen Arbeiterpartei PKK und solchen, die Fethullah Gülen nahestehen. Beide wurden in der Türkei von der amtierenden Regierung zu Terrororganisationen erklärt (die PKK ist auch in der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft).

Von den 719 Accounts, die die Journalisten im Dezember untersucht hatten, sind 386 als pro-kurdisch oder pro-PKK einzustufen, 242 sind pro-Gülen orientiert. Weitere 58 können als linken Strömungen nahestehend gelten. Die Gülen-nahen Accounts haben mit weitem Abstand die meisten Follower: Nahezu 10 Millionen. (Zum Vergleich: die zweitgrößte Gruppe, die pro-kurdischen Accounts, kommen auf 2,5 Millionen). Die türkischen Journalisten gaben an, nicht einen einzigen regierungsfreundlichen Account gefunden zu haben, der ausgeblendet wurde.

Auch Yaman Akdeniz, der türkische Rechtsprofessor, hat die Liste ausgewertet und stimmt der Einschätzung der Journalisten zu. Er sagt, nach seiner Auffassung bildet sie akkurat die Sorten Accounts ab, die in der Türkei zensiert werden.

So ist beispielsweise der Twitter-Account des NBA-Spielers Enes Kanter in seinem Heimatland ausgeblendet. Kanter ist ein Gülen-Anhänger und hat mehr als 535.000 Twitter-Follower. Als Resultat für seine Anhängerschaft zu Gülen, und Berichten zufolge auch, weil er einen verschlüsselten Messenger nutzte, wurde Kanter zum Ziel eines Haftbefehls in der Türkei. Dieses Dokument könnte von Regierungsstellen auch genutzt worden sein, um durchzusetzen, dass sein Account zurückgezogen wird. (Vergangenes Jahr hat die Türkische Botschaft außerdem seinen Ausweis annulliert.)

Andere zurückgehaltene Gülen-nahe Konten kommen von Journalisten, Schriftstellern und Akademikern, die mit der Bewegung verbunden sind, sowie auf Nachrichten fokussierte Konten, die in der Regel angelegt wurden, um Artikel über die Gülen-Bewegung an Anhänger zu verbreiten.

Aktivisten innerhalb und außerhalb der Türkei kritisierten Twitter für die Größenordnung, in der mittlerweile in der Türkei Accounts ausgeblendet werden. Die Türkei sei ein Paradebeispiel dafür, „wie eine autoritäre Regierung Kritik im Inneren durch Verletzung internationaler Gesetze unterdrückt und dafür globale Unternehmen einsetzt”, sagte Efe Kerem Sozeri, ein Wissenschaftler, der die Zensurbemühungen der Türkei schon länger dokumentiert, BuzzFeed News vor einer Weile.

Ein 2017 veröffentlichter Bericht des Reuters Instituts für Journalismus-Studien fand heraus, dass Twitter als Nachrichtenquelle in der Türkei an Bedeutung verliert, und benannte die Maßnahmen der Regierung als Grund dafür.

“Social Media Unternehmen wie Twitter sollten Regierungen, die Druck auf ihre Bevölkerungen ausüben, dabei nicht unterstützen.”

Twitters Transparenz-Bericht bietet Beispiele dafür, wie das Unternehmen sich mitunter auch gerichtlich gegen Anfragen zum Ausblenden von Tweets oder Accounts wehrt. Die Berichte geben auch Konten an, die wieder sichtbar gemacht wurden, nachdem die Regierung die notwendigen gerichtlichen Anordnungen nicht vorgelegt hatte, um die ursprüngliche Anfrage nach einem Ausblenden durchzusetzen.

2014 zum Beispiel berichtete das Unternehmen: „Wir haben drei Accounts und 196 Tweets wieder freigegeben, nachdem türkische Gerichte in mehreren Fällen dem Einspruch durch Twitter gegen verschiedene Löschaufforderungen nachgekommen waren.”

Und 2016 erklärte Twitter, es habe einen „Account wieder freigegeben. Der Account gehört einer wichtigen politischen Partei in der Türkei”, da ein erforderlicher Gerichtsbeschluss nicht vorgelegt worden sei.

Die wichtigste Behörde, die für die Sperrung von Internetinhalten und -diensten in der Türkei zuständig ist, ist die Behörde für Informations- und Kommunikationstechnologien (ICTA), eine Regulierungsbehörde für Telekommunikation. Sobald ein Ministerium eine Anfrage stellt, gibt ICTA diese an Twitter weiter. Danach, so erklärt es Akdeniz, hat die Regierung 24 Stunden Zeit, um eine entsprechende Gerichtsentscheidung einzureichen. Das Versäumnis, die erforderliche gerichtliche Verfügung vorzulegen, wird oft von Twitter als Grund genannt, die Sperre nicht durchzuführen.

ICTA reagierte auf Interviewanfragen via Mail und Twitter nicht und beantwortete auch keine hinterlassenen Rückrufbitten.

Akdeniz glaubt, die Zunahme der ausgeblendeten Konten und Inhalte in der Türkei sei Teil eines größeren Plans zur Zensur in dem Land. Und er fügt hinzu: „Social-Media-Unternehmen wie Twitter sollten Regierungen, die politischen Druck auf ihre Bürger ausüben, dabei nicht helfen.”


Wie wir die Daten erhoben haben

Ab Anfang Oktober begann BuzzFeed News damit, so viele ausgeblendete Accounts wie möglich zu finden. Um das zu erreichen, nutzten wir Twitters Suchmaske, die dort bereitgestellte Schnittstelle (API) für Programmierer, die Datenbank lumendatabase.org und andere Quellen. (hier klicken, um den Code hinter der Auswertung von BuzzFeed News zu sehen).

Bislang konnten wir, basierend auf der twittereigenen API, 1.714 Nutzer finden, die in mindestens einem Land ausgeblendet bleiben. Obwohl das die bislang umfassendste Liste ist, die jemals öffentlich ausgewertet wurde, ist weiter unklar, wie repräsentativ sie für das gesamte Universum ausgeblendeter Accounts ist. Darüber hinaus blendet Twitter in bestimmten Ländern auch einzelne Tweets aus - diese sind in unserem Datensatz nicht mit erfasst.

Zu Beginn haben wir eine Datenbank mit Benutzern erstellt, die in persönlichen Sperrlisten von Twitter-Benutzern aufgeführt sind, wie sie zum Beispiel von @NaziBlocker erstellt wurde. Es zeigte sich jedoch, dass viele der Benutzer auf diesen Listen tatsächlich nirgends zurückgehalten wurden. Um unsere Datenbank zu erweitern, haben wir auch Benutzernamen hinzugefügt, die in der „Lumen Datenbank für rechtliche Beschwerden und Löschungsanträge” erwähnt wurden, Konten, die wir durch manuelle Recherchen gefunden haben, und Nutzer, die auf „Cemetery of Free Speech” aufgelistet sind (zum Zeitpunkt unserer Veröffentlichung nicht mehr zugänglich), wo Accounts und Tweets gesammelt werden, die in Deutschland zurückgehalten werden.

Dann fütterten wir die Twitter-API mit diesen Benutzerlisten, da diese Daten zu jedem Konto auslesen kann – einschließlich, und das ist entscheidend, eines Attributs mit dem Namen „withdown_in_countries”. Für Konten, die in mindestens einem Land tatsächlich zurückgehalten wurden, haben wir dann die Twitter-API verwendet, um alle Benutzer zu finden, denen das Konto gefolgt ist. Auch hier prüften wir anschließend, ob eines dieser Konten zurückgehalten wurde.

Diesen Prozess haben wir so lange fortgeführt, bis wir keine weiteren ausgeblendeten Nutzer mehr finden konnten. Alles in allem durchliefen so nahezu 800.000 Accounts unsere Analyse.

Unsere Datenbank der zurückgehaltenen Benutzer ist unvermeidlich unvollständig. Einige zurückgehaltene Accounts wurden beispielsweise deaktiviert (von Twitter oder dem Nutzer) oder nicht bestätigt, bevor wir sie identifizieren konnten. Und natürlich hat unser Ansatz, die betreffenden Konten zu finden, wahrscheinlich seine eigenen blinden Flecken. Wir ermutigen daher jeden, uns Accounts zu nennen, die wir übersehen haben. Um einen solchen einzureichen, bitte hier klicken.●

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch.

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Craig Silverman is a media editor for BuzzFeed News and is based in Toronto.

Contact Craig Silverman at craig.silverman@buzzfeed.com.

Jeremy Singer-Vine is the data editor for the BuzzFeed News investigative unit and is based in Washington, D.C. His secure PGP fingerprint is E2B0 63DB 0601 D634 1E9E F9AE 9F24 768F 9B4A EFB0

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