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Russische Trolle haben Facebook-Anzeigen gekauft – wir wollen so etwas transparent machen

Ein Politiker fordert nun, dass Facebook dieselben Informationen über seine Anzeigen veröffentlichen soll wie TV- und Radiosender in den USA.

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Facebook bekommt politischen Druck, mehr über seine Interna zu verraten, nachdem es am Mittwoch veröffentlich hat, dass russische Trolle und Fake-Accounts Werbung im Wert von 100.000 Dollar gekauft und verbreitet haben. Transparenz-Aktivisten und Wissenschaftler, die sich mit politischen Anzeigen bei Facebook beschäftigen, sagen gegenüber BuzzFeed News, dass Facebooks Reichweite und die fehlende Transparenz über die gebuchten Anzeigen die demokratische Diskussion gefährden.

Auch damit solche von Trollen gebuchten Anzeigen in Deutschland auffallen, hat BuzzFeed News Deutschland gemeinsam mit t-online.de und WhoTargetsMe ein Tool entwickelt, dass diese Anzeigen transparent machen soll. Mithelfen könnt ihr mit wenigen Klicks: Indem ihr eine kostenlose Software für euren Browser installiert. WhoTargetsMe hat für BuzzFeed News und t-online.de Erweiterungen für Chrome und Firefox entwickelt. Diese Erweiterung liest die Anzeigen auf Facebook aus und analysiert, welche Partei welche Anzeigen für welche Zielgruppe schaltet.

Hier könnt ihr euch die Chrome-Erweiterung herunterladen.

Hier könnt ihr euch die Firefox-Erweiterung herunterladen.

Alex Howard, stellvertretender Direktor der Sunlight Foundation, einer Organisation, die sich für Transparenz einsetzt, sagte, dass sehr stark auf einzelne Gruppen zugeschnittene Anzeigen "als Waffen genutzt werden können gegen liberale Demokratien", weil sie nicht die gleiche Sichtbarkeit und Veröffentlichungspflichten haben wie Anzeigen im Radio, im Fernsehen oder in Zeitungen.

"Es nimmt den traditionellen Vertretern der Demokratie – die Presse, Behörden und andere Institutionen – die Möglichkeit, zu verstehen wer hinter politischen Kampagnen steckt." Facebook und weitere große Tech-Unternehmen haben sich in den USA bislang gesetzlichen Regeln weitestgehend entziehen können – trotz ihrer wichtige gesellschaftlichen Rolle. Doch die Befürchtungen, dass ausländische Organisationen oder andere Parteien die politische Werbung manipulieren könnten, dürfte die Kontrolle zunehmen.

Senator Mark Warner, einer der führenden demokratischen Politiker in den USA, kündigte heute an, dass es bald neue Richtlinien für Social-Media-Plattformen geben könne, die politische Anzeigen verbreiten. "Amerikaner können sich anschauen, welche Werbung im TV gezeigt wird. Aber in den sozialen Medien gibt es dafür keine Bestimmungen", sagte Warner laut CNN.

"Das kann jetzt auf zwei verschiedene Arten ablaufen", sagt Sunlight-Experte Howard. "Entweder zeigen uns diese Tech-Unternehmen, dass sie verstehen, dass Transparenz und Offenlegung im öffentlichen Interesse sind und veröffentlichen freiwillig. Oder die Regierung reagiert. Und dann entstehen traditionell schlechte Gesetze."

Besonders im Fokus der Kritiker und politischen Ermittler steht die Nutzung sogenannter DarkAds durch russische Trolle sowie politische Kampagnen und Organisationen, die bestimmte US-Amerikaner aufgrund ihres Wohnortes, ihrer Interessen oder anderer Daten anvisieren. Das Trump-Wahlkampfteam hat Dutzende Millionen Dollar in solche speziellen Facebook-Anzeigen investiert. Wahlkampfberater haben öffentlich behauptet, dass dies einer der wichtigen Faktoren für den Wahlsieg Trumps war.

Remember, when it comes to political (or any) advertising on FB, we know almost nothing. Compared to political TV ads, FB is a black hole.

"Macht Euch klar: Beim Thema politische (oder andere) Werbung auf Facebook wissen wir quasi gar nichts. Im Vergleich zu politischen Anzeigen im Fernsehen ist Facebook ein schwarzes Loch."

DarkAds – die Facebook “Unpublished Page post ads” nennt — erscheinen in der Timeline von Menschen wie andere Anzeigen, sind aber nur für genau diejenigen sichtbar, die von dem Werber anvisiert werden. DarkAds können von anderen Menschen nicht entdeckt werden. So können zum Beispiel Wissenschaftler und Journalisten, die sich mit politischen Kampagnen beschäftigen, diese Anzeigen niemals bewerten und einordnen.

Shawn Parry-Giles ist Direktorin des University of Maryland's Center for Political Communication and Civic Leadership, ein Projekt, das politische Werbung sammelt und analysiert. Sie glaubt, dass Wahlkampf-Teams in Zukunft mehr in zielgerichtete Online-Anzeigen investieren werden und dass das die Art der politischen Werbung in den USA fundamental ändern wird. "Es wird die Arbeit der Wahlkampfteams völlig verändern und ich weiß nicht, ob das wirklich gut ist", sagt Parry-Giles.

Erika Franklin Fowler ist Direktorin des Wesleyan Media Project, das politische Anzeigen im Fernsehen analysiert. Sie sagt, dass der Trend ganz klar dahin geht, dass es weniger Wissen über und Kontrolle von politische Anzeigen gibt. "Ich glaube es ist unwahrscheinlich, dass wir jemals wieder so viel über politische Anzeigen wissen werden, wie wir es bisher wussten", schrieb Fowler BuzzFeed News per E-Mail. "Wenn Kandidaten (und andere Gruppen) unterschiedliche Dinge zu unterschiedlichen Wählern sagen können, wird es sehr viel schwieriger, sie wirklich zur Rechenschaft zu ziehen für ihre Wahlversprechen."

Facebooks stellvertretender Chief Privacy Officer Rob Sherman sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass das Unternehmen keine Informationen über Anzeigen veröffentlicht, weil sie diese Informationen als vertraulich einstufen.

"Wenn wir die politischen Anzeigen von TV- und Radiostationen online verfügbar machen, dann verstehe ich nicht, warum das nicht für die sozialen Netzwerke genauso gelten sollte", sagt Howard von der Sunlight Foundation. "Es ist klar, dass Facebook und Google mehr als 80 Prozent des Online-Anzeigenvolumens für sich verbuchen und das bedeutet, dass sie große Verantwortung tragen.

Howard sagt, dass solange Plattformen und Gesetzgeber keinen Weg finden, diese politischen Anzeigen transparent zu machen, "lädt das autokratische Regierungen geradezu ein, diese Offenheit auszunutzen, um uns zu schaden. Und es wird wieder und wieder und wieder passieren."


Dark Ads haben geholfen, Trump zum Präsidenten zu machen. Sie haben den Brexit befeuert. Doch spielen diese dunklen Anzeigen auch im deutschen Wahlkampf eine Rolle? BuzzFeed News will den geheimen Wahlkampf auf Facebook transparent machen – und dafür brauchen wir eure Hilfe.


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Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch.

Craig Silverman is Media Editor for BuzzFeed News and is based in Toronto.

Contact Craig Silverman at craig.silverman@buzzfeed.com.

Daniel Drepper ist Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland. Für seine Recherchen erhielt unter anderem den Wächterpreis, den Axel-Springer-Preis und den Ernst-Schneider-Preis. Kontakt: daniel.drepper@buzzfeed.com.

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