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Dieses Verhalten ist sexueller Missbrauch, aber niemand redet darüber

Das vorsätzliche Entfernen des Kondoms beim Sex ohne Einverständnis hat online eine männliche Fangemeinde gefunden.

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Letztes Jahr suchte eine junge Frau online Rat, nachdem ihren Berichten zufolge, ein Mann, den sie gelegentlich traf, etwas getan hatte, wodurch sie sich „verletzt“ fühlte. Eines Nachts gingen sie zusammen in seine Wohnung und hatten dort einvernehmlichen Sex. Sie sagte, sie habe auf der Benutzung eines Kondoms bestanden und auch gesehen, wie er es sich übergezogen hatte, nur um später festzustellen, dass es zwischendurch entfernt worden war.

„Er hat zugegeben, dass er es abgenommen hat“, schrieb sie auf Reddit und fragte andere User, ob sie überreagiert habe, weil sie „ausgeflippt“ ist.

„Ich habe mich wirklich verletzt gefühlt“, sagte sie. „Ich habe ihm gesagt, dass das inakzeptabel war.“

Die junge Frau ist nicht allein. Ähnliche Geschichten und Reaktionen finden sich überall verstreut in Internetforen, wo Leute ihre eigenen Erfahrungen mit Männern beschreiben, die während des Sex ohne ihr Einverständnis oder Wissen das Kondom entfernen.

Ihre Erzählungen beleuchten eine Art von geschlechtsspezifischem Übergriff, der zwar verbreitet ist, über den aber außerhalb von Internetgruppen kaum gesprochen wird: das vorsätzliche Entfernen von Kondomen während des Sex ohne Einverständnis oder „Stealthing“. Ein neuer Artikel im Columbia Journal of Gender and Law geht tiefer auf dieses Vorgehen ein und auch darauf, wie Onlinegruppen es immer wieder thematisieren und dazu ermutigen, und führt aus, dass es gegen eine ganze Reihe von Zivil- und Strafgesetzen verstößt.

Alexandra Brodsky, juristische Mitarbeiterin beim National Women's Law Center und Verfasserin der Studie, argumentiert, dass Stealthing einvernehmlichen Sex in nicht einvernehmlichen verwandelt und eine „schwere Verletzung der Menschenwürde und Selbstbestimmung“ darstellt.

Brodsky hat für den Artikel eine Reihe von Opfern interviewt, überwiegend um Frauen, die sagten, ihr Partner habe vorsätzlich sein Kondom entfernt, ohne es ihnen zu mitzuteilen, oder darüber gelogen.

Ein Opfer, das sich Rebecca nennt, erzählte, ihr Freund habe Stealthing mit ihr betrieben, als sie im ersten College-Jahr war. Die Medizinstudentin begann bei einer Hotline für Vergewaltigungsopfer zu arbeiten und fand viele weitere Frauen, die von einer ähnlichen Erfahrung sprachen, die meisten von ihnen Studentinnen.

Eine von sieben Frauen hat einen Partner erlebt, der in ihre Empfängnisverhütung eingegriffen hat, wie sich aus der National Crime Victimization Survey entnehmen lässt. „Ihre Geschichten beginnen oft gleich“, sagte Rebecca gegenüber Brodsky: „Ich bin nicht sicher, ob das eine Vergewaltigung ist, aber...“

Eine Frau erinnerte sich, warum sie sich betrogen fühlte: „Der Teil, der mich wirklich zum Ausflippen brachte... war ganz klar, dass es eine dermaßen eklatante Verletzung dessen war, worauf wir uns geeinigt hatten. Ich habe eine Grenze gesetzt. Ich war sehr deutlich.“

Sara, eine weitere Frau, die von Brodsky interviewt wurde, sagte, ihre Erfahrung habe sich ähnlich angefühlt wie ein Übergriff, und nannte es „an der Grenze zur Vergewaltigung.“

„Sie haben gespürt, dass ihnen etwas Böses oder Falsches widerfahren ist, das sich wie eine Verletzung anfühlte, aber sie hatten nicht das Vokabular, um es zu beschreiben oder zu verarbeiten“, erklärt Brodsky gegenüber BuzzFeed News.

Obwohl jeder Bericht einzigartig war, fand Brodsky heraus, dass sie alle die gleichen Themen gemeinsam hatten: Die überwältigende Angst, schwanger zu werden, sich sexuell übertragbare Krankheiten, HIV und AIDS eingefangen zu haben, Verwirrung und Scham, die der von anderen Opfern sexueller Gewalt ähnelt.

„Opfer [von Stealthing] beschreiben die nicht einvernehmliche Entfernung des Kondoms als Bedrohung ihrer körperlichen Unversehrtheit und Verletzung ihrer Würde. ‚Du hast kein Recht, deine eigenen sexuellen Entscheidungen zu treffen‘, wird ihnen mitgeteilt. ‚Die bist meine Rücksicht nicht wert‘“, schreibt sie.

Stealthing ist, wie Brodsky entdeckt hat, eine Form von „männlicher sexueller Vormachtstellung“, die online eine loyale und größer werdende Fangemeinde gefunden hat. Dort verteidigen einige das Vorgehen als das männliche Recht, „seinen Samen zu verbreiten“, tauschen Tipps und Erfolgsstorys aus und klopfen sich gegenseitig für ihre Methoden auf die Schulter.

Zum Beispiel hat auf der Website Experience Project ein Mann mit dem Benutzernamen onesickmind „einen umfassenden Leitfaden“ für Stealth Sex verfasst, in dem er prahlt, er habe das „immer wieder mit so vielen Mädchen getan, dass ich gar nicht anfangen kann, sie zu zählen.“

Andere Männer mischten sich ein und hinterließen Kommentare wie:

Schwule Männer werden auch häufig Opfer. Mark Bentson, der einen Nischenblog betreibt, stellt fest, dass Stealthing umstritten ist, nennt es aber eine „Realität“ und bringt seinen Lesern bei, wie sie ihre Partner austricksen können, damit diese glauben, sie hätten „Safer Sex“.

Obwohl Stealthing nach US-Recht nicht als Vergewaltigung gilt, argumentiert Brodsky, dass die Verbindung zwischen der Praxis und einem sexuellen Übergriff stark genug ist und dass die Opfer vom Gesetz geschützt werden sollten. Anfang dieses Jahres hat ein Schweizer Gericht einen Mann für das Abnehmen seines Kondoms wegen Vergewaltigung verurteilt.

„Die Rechtssprechung ist häufig skeptisch gegenüber Opfern eingestellt, insbesondere wenn sie eine sexuelle Vergangenheit mit jemandem haben“, sagte sie und erklärt, dass es sehr viel schwieriger ist, davon zu überzeugen, dass es einen Übergriff durch einen Partner gegeben hat, der sein Kondom abnahm, wenn der Sex zuvor einvernehmlich war.

Leslie Tenzer, eine Professorin an der Pace Law School, die sich auf Strafrecht spezialisiert hat, stimmt zu und sagt, die Rechtssprechung ließe „diese Opfer häufig im Stich“, da sie eine gewisse körperliche Schädigung nachweisen müssen. Der Vorschlag von Brodsky beinhaltet, dass Kläger oder Klägerinnen ihren Fall vor Gericht bringen können, „ohne das Hindernis, eine körperliche Schädigung nachweisen zu müssen, wie Gerichte es üblicherweise verlangen.“

Tenzer wirft allerdings ein, dass es sehr schwierig wäre, ein Gesetz mit diesen Änderung in den Legislativen der Bundesstaaten durchzubringen, „von denen viele im heutigen politischen Klima eher auf der anderen Seite zu stehen scheinen.“

„Unsere Gesellschaft ist daran gewöhnt, Männer zu entschuldigen und den Glauben aufrechtzuerhalten, dass Männer Zugriff auf die Körper von Frauen haben, wenn sie das wollen“, sagte Brodsky. „Das Gesetz sollte den Glauben unterstützen, dass Menschen das Recht an ihrem eigenen Körper haben.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch.

Brianna Sacks is a reporter for BuzzFeed News and is based in Los Angeles.

Contact Brianna Sacks at brianna.sacks@buzzfeed.com.

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