back to top

Wir haben mit Ehefrauen von IS-Kämpfern in Syrien gesprochen. So zeigen sie ihre Reue.

„Wir haben das Paradies gesucht, doch wir fanden nur die Hölle.”

Gepostet am

AIN ISSA, Syrien. Aisha Khadad war Englischlehrerin, verheiratet und Mutter zweier kleiner Kinder (ein drittes war unterwegs), als die Gewalt in Syrien sie heimsuchte.

Ihr damals 30-jähriger Mann, sagt sie, wurde 2012 in Homs, der Heimatstadt der Familie, von einem Scharfschützen des syrischen Regimes getötet. Mehrere Jahre lang arbeitete die Witwe und alleinerziehende Mutter in Damaskus, um sich und die Kinder durchzubringen. Irgendwann zog sie weg, verliebte sich und heiratete erneut.

Sie ging nach Rakka, in die Hauptstadt des selbsternannten IS-Kalifats, das im Begriff steht sich aufzulösen. Ihr neuer Ehemann war ein ausgebildeter ausländischer IS-Kämpfer.

„Wir haben das Paradies gesucht, doch wir fanden nur die Hölle”, sagt sie während des Interviews in einem provisorischen Internierungslager, in einem Flüchtlingscamp gut 60 Kilometer nördlich von Rakka. Die von den USA unterstützten syrisch-kurdischen Truppen halten sie und andere mutmaßliche IS-Ehefrauen mitsamt ihren Kindern hier fest.

„Der beste Beweis, dass die IS-Mitglieder keine guten Menschen sind, ist doch, dass sie gerade dabei sind, alles zu verlieren”, sagt sie. „Die Siegreichen sind es, die sich auf dem rechten Pfad befinden. Aber wie Sie wissen, verlieren sie. Sie ziehen sich einfach zurück.”

Jetzt, wo der IS nach neun Monaten Kampf die Stadt Mossul verloren hat, sieht er sich durch die von den USA unterstützten Truppen rund um Rakka unter Druck gesetzt. Neues Ziel des Feldzuges ist es nun, den IS aus seinen Gebieten zu vertreiben.

Andrea DiCenzo for BuzzFeed News

Aisha und ihre drei Kinder sitzen in einem provisorischen Gefangenenlager innerhalb des Ain al-Issa Camps, das sich 40 Kilometer nördlich von Raqqa befindet, nachdem sie vor den Gefechten in der belagerten Stadt geflohen sind.

Die von den USA unterstützten syrischen Truppen, die allmählich die Hauptstadt des IS erobern, haben die Familien von mindestens einem Dutzend mutmaßlicher ausländischer Kämpfer gefangen genommen. Unter ihnen sind die Tunesierin Khadad, eine Russin sowie eine Frau mit libanesischer und deutscher Staatsangehörigkeit. Sie leben zusammengepfercht in den aschgrauen Gebäuden des Aufklärungsdienstes eines zum Teil von der UNO finanzierten Lagers mit 5000 Insassen. Eine Gruppe von Frauen und Kindern mutmaßlicher IS-Mitglieder aus Indonesien ist in einem Zelt in der Nähe untergebracht. Keiner der Frauen wird irgendein Verbrechen zur Last gelegt. Viele von ihnen sind mit mutmaßlichen ausländischen Kämpfern verheiratet. Da in Syrien die Staatsangehörigkeit des Vaters auf das Kind übergeht, ist der Status dieser im „Kalifat” geborenen Kinder rechtlich gesehen unklar.

„Wir halten sie von allen anderen Leuten hier fern, denn sie sind in großer Gefahr”, sagt ein Offizier des Aufklärungsdienstes der von Kurden dominierten De-facto-Regierung Rojava, die den Nordosten Syriens kontrolliert. „Vielleicht haben ihre Männer die Verwandten anderer Lagerbewohner getötet, die könnten sich nun rächen wollen. Und die übrigen Leute im Lager haben möglicherweise Angst vor ihnen.”

Der Gemeinderat von Rakka und der Aufklärungsdienst des Flüchtlingslagers haben BuzzFeed News Zutritt gewährt. Dadurch konnten wir stundenlang mit mehreren Insassinnen der Einrichtung und mit der indonesischen Familie sprechen. Einige gaben bereitwillig Auskunft, andere verweigerten das Gespräch. Eine der Frauen blieb in einem Zimmer und sang ihren Kindern Koranverse vor. Eines der Kinder trägt den Namen des IS-Anführers Abu Bakr al-Baghdadi.

Jetzt, wo der IS auf dem Rückzug ist und die von den USA unterstützten kurdischen Truppen die Kontrolle übernehmen, will keine der Frauen zugeben, die Miliz unterstützt zu haben. Alle geben Dinge zu Protokoll, die sich unmöglich überprüfen lassen. Sie bestreiten, dass ihre Ehemänner oder Väter hartgesottene IS-Kämpfer seien, oder sie beteuern, von den Taten ihrer Männer und den zahlreichen Verbrechen des IS nichts gewusst zu haben. Sie bitten um Hilfe und Gnade, zumindest für ihre Kinder. Viele scheinen Probleme mit ihrer weitverzweigten Verwandtschaft zu haben und schämen sich wegen der Folgen, die ihre Entscheidungen für die Familie haben könnten.

Ihre Berichte stecken voller Widersprüche und es fehlt ihnen an Glaubwürdigkeit. Alle Frauen waren damit einverstanden, öffentlich gezeigt zu werden. Die meisten bestanden jedoch darauf, auf den Bildern den Niqab zu tragen, um das Gesicht bis auf die Augen zu verdecken.

„Hierher zu kommen war der größte Fehler meines Lebens”, sagt Khadija Omry, eine 29 Jahre alte Tunesierin, die im Mai 2013 mit ihrem tunesischen Ehemann und dem zweijährigen Sohn nach Syrien kam.

Obwohl sie ihren Umzug nach Rakka als verhängnisvoll beschreiben und zutiefst bedauern, äußert keine der Frauen viel Mitleid für die Opfer des IS, ja sie nahmen sie nicht einmal zur Kenntnis. Sie antworten häufig beschönigend, wenn es um die vielen Kriegsgreuel des IS geht – oder um Berichte über öffentliche Enthauptungen, Massaker an religiösen Minderheiten, Massenvergewaltigungen und Frauenhandel, die weltweit Aufmerksamkeit erregten, nachdem die Miliz 2014 Mossul und den nördlichen Teil des Irak besetzt hatte.

„Ich habe die ganzen Geschichten über den IS für islamfeindliche Hetze gehalten”, sagt Nour Khairadania, eine 19-jährige Indonesierin. Sie behauptet, sie sei im August 2015 zusammen mit 25 Verwandten heimlich über die türkische Grenze nach Syrien eingereist und nach Rakka zu gehen. Sie spricht fließend englisch.

„Wir haben Videos gesehen, in denen wurde gezeigt, wie großartig es sei, unter dem IS zu leben”, sagt sie. „Wir dachten, alle negativen Berichte über den Islamischen Staat seien erlogen. Wenn man sich in jemanden verliebt, sieht man nur seine gute Seite. Und wenn man erzählt bekommt, er oder sie sei schlecht für einen, dann hört man nicht hin.”

Khairadania sagt, sie und ihre Verwandten seien wegen des Versprechens auf kostenlose Schulbildung und Gesundheitsversorgung nach Syrien gekommen, um unter einem System zu leben, das wohltätig und dem IS zufolge „der echte Islam” sei. Aber genau wie andere Menschen waren auch sie schon bald desillusioniert. Der IS verlangte von ihren Ehemännern sofort, dass sie dem bewaffneten Dschihad gegen die vielen Feinde der Organisation beitreten. Weigerte sich jemand, nahm man ihm den Pass ab und verweigerte ihm jegliche Unterstützung.

„Sie sagten: ‚Wer bist du denn? Du hast dich nicht für den Islamischen Staat aufgeopfert. Warum sollten wir also etwas für dich tun?‘”, berichtet Khairadania.

Omry, die tunesische Frau, sagt, ihr Mann sei Ende 2014 im Kampf gegen andere syrische Rebellengruppen ums Leben gekommen. Daraufhin habe man sie in einem Wohnheim für IS-Witwen und ihre Kinder untergebracht. Das Wohnhaus, so Omry, wurde von einem Mann namens Um Adab betrieben, einem Marokkaner und Handlanger des IS. Er habe die Frauen und ihre Kinder misshandelt, ihnen Windeln und Medikamente verweigert. Sie durften den Gebäudekomplex nur einmal am Tag für eine Stunde verlassen und das nur in Begleitung. Omry hat den Verdacht, dass man die Frauen auf diese Weise unter Druck setzen wollte, damit sie einen anderen Kämpfer heiraten. Irgendwann gab sie nach und vermählte sich mit einem anderen tunesischen Kämpfer.

Omry, ihr zweiter Ehemann und ihre beiden Kinder ergaben sich den von den Kurden geführten und von den USA unterstützten Demokratischen Kräften Syriens, als diese vor sechs Wochen in ihr Stadtviertel in Rakka einmarschierten.

Khadad, die Englischlehrerin, sagt, sie sei nur auf der Durchreise gewesen und habe eigentlich in die Türkei gewollt, als der IS sie in Rakka aufgriff. Aber als sie sich im Juli 2015 in der Stadt niederließ, wusste bereits die ganze Welt, was sich dort abspielte.

Auch sie sagt, man habe sie zusammen mit ihren drei Jungen in einem Wohnheim für IS-Witwen untergebracht. Ein beim IS ausgebildeter marokkanischer Kämpfer, der in der Nähe wohnte, habe um ihre Hand angehalten, und sie habe schnell zugesagt. Khadad sagt, ihr neuer Ehemann sei vom IS enttäuscht gewesen und habe sich geweigert, für ihn zu kämpfen, und das nach einer dreimonatigen militärischen Ausbildung. Er habe es vorgezogen, alte Autos zu reparieren und zu verkaufen. Schließlich bekamen sie eine Tochter, die jetzt acht Monate alt ist. Sie schildert ihr Leben unter dem IS als eintönig und hoffnungslos.

„Er sagte mir, nach der Hochzeit würden wir von hier weggehen und entweder in die Türkei oder nach Marokko ziehen”, sagt Khadad. „Die ganze Zeit waren wir von Tod, Gewalt und Massakern umgeben, von Menschen, die Blut und noch mehr Blut wollten.”

Als die Streitkräfte der SDF vor sechs Wochen in das Stadtviertel kamen, haben sie sich ergeben, sind auf die Knie gesunken und haben Durchsuchungen über sich ergehen lassen. Die ganze sechsköpfige Familie wurde nach Kobani gebracht, einer Stadt unter Kontrolle der Nordsyrischen Streitkräfte. Khadads Ehemann wurde verschleppt, wohingegen man sie und ihre Kinder mehrere Tage lang in einer Zelle gefangen hielt, bevor sie in ein Camp gebracht wurde.

Zumindest einige der Frauen haben einen schwierigen Hintergrund. Nadja Ramadan, eine 28-jährige Frau mit deutsch-libanesischem Hintergrund, berichtete, dass sie zum Teil aufgrund ihrer Familiengeschichte an psychischen Problemen leidet. Sie sagte, sie hatte ihre Mutter unter strittigen Verhältnissen verlassen müssen, um als sechsjähriges Kind aus Süddeutschland in den Libanon zu ziehen. Sie sagte, sie wurde gezwungen einen Cousin zu heiraten, als sie 14 Jahre alt war. Sie hatten zusammen drei Kinder. Im Alter von 26 Jahren konnte sie sich scheiden lassen und einen Mann mit türkisch-deutschem Hintergrund namens Cem Kula heiraten. Heute ist sie die Mutter von zwei weiteren Kindern.

Das Paar zog im Juli 2014, als der IS im Irak wütete und seine Stellung in Syrien festigte, in das Kalifat. Sie sagte, dass sie jetzt nur noch nach Deutschland zurückkehren und sich um ihre Kinder kümmern möchte. Die syrisch-kurdischen Behörden haben ihren Reisepass beschlagnahmt. Ihr Ehemann sitzt in Kobani im Gefängnis.

"Ich bin nicht wegen des Krieges oder zum Kämpfen hierher gekommen", sagt sie. "Ich bin wegen meines Ehemanns hierher gekommen. Das ist die Wahrheit. Ich habe kein Fernsehen geschaut. Ich wusste es einfach nicht. Ich wollte es nicht wissen."

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch.

Anzeige
Anzeige

Borzou Daragahi is a Middle East correspondent for BuzzFeed News and is based in Istanbul.

Contact Borzou Daragahi at borzou.daragahi@buzzfeed.com.

Got a confidential tip? Submit it here.

Promoted