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Was es bedeutet, seinen Vater im Völkermord zu verlieren

Wie ich 1994 meinen Vater im Genozid an den Tutsi in Rwanda verlor.

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Ich will schon lange über meinen Vater schreiben. Vor einem Jahr bat mich ein Freund, der Journalist ist, meine Erinnerungen an meinen Vater, und wie ich den Genozid erlebt habe, aufzuschreiben. Welche Erinnerungen ich habe und solche Sachen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bat er mich vielleicht gar nicht, über meinen Vater zu schreiben, sondern über dessen Tod.

Ich will aber lieber über sein Leben schreiben. Das ist für mich wichtiger. Denn an seinen Tod werde ich mich immer erinnern. Aber mich an sein Leben zu erinnern, fällt mir immer schwerer. Erinnerungen verblassen nämlich viel schneller als Du denkst. Das hier aufzuschreiben ist also wirklich dringend und notwendig für mich. Vielleicht klingt das alles ziemlich dramatisch. Das würde mich nicht weiter wundern, denn ich habe wirklich einen Hang zur Dramatik. Manchmal denke ich, dass ich diese Eigenschaft von meinem Vater habe. Er hat nämlich Theater gespielt. Am besten, ich fange mal von vorne an.

Mein Vater wird 1957 geboren. Er ist der Älteste von sieben Geschwistern. Er wächst bei seiner Großmutter auf, weil sein jüngerer Bruder Ngabo kurz nach ihm zur Welt kommt und die Eltern sich nicht um zwei kleine Kinder kümmern können. Nach Ngabo bekommen seine Eltern und meine Großeltern Ida, Olive, Mudeli, Mutesi und Cyemayire. Aus dieser Familie hat nur meine Tante Ida überlebt. Alle anderen sind im Genozid vor genau 21 Jahren umgebracht worden.

Am 6. April 1994 begann der Völkermord in Rwanda. Innerhalb von 100 Tagen wurden fast eine Million Tutsi und einige moderate Hutus von Hutu-Milizen umgebracht. Es gibt keine Familie in Rwanda, die nicht vom Genozid berührt wird. Familien wie meine wurden zerrissen. Ich bin ohne Vater, Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins aufgewachsen. Kinder von Hutu-Milizen wachsen ohne Eltern auf, weil diese im Gefängnis sind. Und während dieser Zeit hat die Welt untätig zugeschaut und nicht oder nur unzureichend interveniert. Bekannt sind vor allem die gescheiterte Blauhelm-Mission sowie die Beteiligung Frankreichs an dem Völkermord.

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Aber zurück zu meinem Vater. Er ist der älteste und übernimmt viel Verantwortung für seine Familie. Er ist der beste seiner Klasse und ein rundum tolles Kind. Nach der sechsten und letzten Klasse der Grundschule soll er eigentlich auf eine weiterführende Schule wechseln. Ihm wird es verweigert. Warum? Weil er Tutsi ist. Er darf nicht weiter zur Schule gehen, weil er einer ethnischen Minderheit in Rwanda angehört. Er lässt sich nicht unterkriegen und bleibt hartnäckig. Er wiederholt die sechste Klasse sechs mal hintereinander, bis er einen Platz an einer weiterführenden Schule bekommt. Sechs Mal!

Nach der Sekundarschule bekommt er ein Stipendium, um in Belgien zu studieren. Meine Mutter, die auch Tutsi ist, bekommt auch eins. Sie kennen sich seit Kindheitstagen. Ich habe vor kurzem meine Mutter gefragt, wann sie mit meinem Vater zusammen kam. Sie meinte, als sie 15 waren. Zusammensein hieß für die beiden, gemeinsam auszuhalten, wenn sie ungerecht behandelt wurden, Bücher auszutauschen und sich Geschichten zu erzählen. Manchmal haben sie Händchen gehalten.

Meine Eltern kehren gemeinsam nach Rwanda zurück und 1987 heiraten sie. Mein Vater ist Französisch- und Sportlehrer und Präfekt – so eine Art Co-Rektor der Sekundarschule in unserer Nachbarschaft. Meine Mutter ist Koordinatorin bei Oxfam in Kigali. Sie sind verliebt, optimistisch, erfolgreich und schwanger. An einem Oktobervormittag in 1988 spielt Canon Yaoundé, eine Fußballmannschaft aus Kamerun, gegen die rwandische Mannschaft Rayon Sport. Mein Onkel Edouard will meinen Vater abholen, um gemeinsam das Spiel zu schauen, als die Wehen bei meiner Mutter einsetzen. Meine Eltern fahren ins Krankenhaus und kurze Zeit später bin ich da. Wir machen heute noch Scherze, dass das der einzige Tag war, an dem ich pünktlich war.

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Wie das für eine rwandische Familie üblich ist, leben noch andere Familienmitglieder mit uns. Da sind Mutesi und Mudeli, zwei Schwestern meines Vaters. Sie besuchen Schulen in der Hauptstadt Kigali. Mutesi besucht die Sekundarschule École Technique Officielle im Stadtteil Kicukiro. Im Genozid werden dort Tausende Tutsis, die Zuflucht suchten, umgebracht werden.

Mein Vater wurde auf den Tag genau vor 21 Jahren brutal umgebracht. Wir haben uns gemeinsam mit anderen Tutsi-Nachbarn in der Schule versteckt, in der mein Vater unterrichtete. Am Abend des 30. Aprils stürmten bewaffnete Milizen unser Versteck, nahmen die Männer mit und ließen die Kinder und Frauen zurück. Nach dem Tod meines Vaters haben wir uns später im, als Hotel Rwanda berühmt gewordenen Hotel des Milles Collines versteckt.

Die Hutu-Milizen haben meinen Vater umgebracht und blutend auf der Straße liegen lassen. Diese Straße passiere ich häufig, wenn ich in Kigali bin. 21 Jahre sind eine lange Zeit. In der Zeit ist vieles in meinem Leben passiert, was er nicht mitbekommen hat. Bis heute schaue ich Vätern mit Kindern hinterher und ich fühle jedes Mal eine komische Mischung aus Neid und Traurigkeit.

Ich war fünf Jahre alt, als mein Vater starb. Fünf Jahre hatte ich Zeit mit ihm. Das ist nicht lange, aber ich halte mich daran fest. Ich erzähle meinem Freund manchmal von meinem Vater. Davon, wie er Basketball gespielt hat oder auf einem blauen Fahrrad durch Kigali fuhr. Ich vermische die Erinnerungen, die ich noch habe, mit dem, was mir andere über ihn erzählen. Früher hat mich das gestört. Heute freue ich mich über jede Erinnerung, egal ob meine eigene oder nicht.

Vor einem Jahr hat ein Studienfreund meines Vaters uns eine Aufnahme geschickt, auf der mein Vater einen Vortrag hält. Meine Schwestern und ich haben uns das gemeinsam angehört. Ganz kurz war die Stimme meines Vaters in meiner WG-Küche in Berlin-Friedrichshain zu hören. Das werde ich nie vergessen. Als meinem Vater klar wurde, dass er höchstwahrscheinlich sterben wird, hat er einen Brief an seine Freunde im Ausland geschrieben. Er hat sie gebeten, auf uns aufzupassen, falls wir überleben sollten. Jedes Mal wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen. Mir vorzustellen, was er in dem Moment gefühlt hat, macht mich fertig.

Bei einer Lesung in Kigali im Winter 2013 hat mich eine Frau lange gemustert und mir mit Tränen in den Augen gesagt, dass ich sie an meinen Vater erinnere. Sie hatte als junges Mädchen einen Theaterkurs, den er in seiner Schule anbot, besucht. Er konnte gut tanzen, erzählte tolle Geschichten, und gab gute Umarmungen. Das habe ich auf jeden Fall von ihm. Bei den anderen Sachen bin ich mir nicht so sicher.

Ich habe lange versucht, meinen Vater lebendig zu halten. Ich ließ mir mit 18 seinen Namen auf mein Handgelenk tätowieren. Bis heute denken die meisten, die das sehen, dass es ein Stempel aus einem Club ist. Etwas, was so wertvoll für mich ist, bedeutet vielen Menschen nichts. Ich glaube, das ist genau das, womit alle Menschen hadern, die eine geliebte Person verlieren. Dass die Welt nicht anhält, dass es den meisten nicht mal auffällt oder wichtig ist. Ich wollte, dass die Welt anhält, an dem Tag, als mein Vater starb, aber sie tat es nicht.

Ich habe als Kind die ersten drei Jahre nach seinem Tod immer daran geglaubt, dass er wiederkommt. Ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht. Ich hab auch eine Zeit lang geglaubt, dass mein Vater in der Gestalt unseres Hundes Tissy wieder auf die Erde gekommen ist. Und als ich noch jünger war, habe ich, wenn ich im Flugzeug Wolken gesehen habe, jedes mal gewinkt und "Bye Papa" gerufen. Und wenn ich Tagebuch geschrieben habe, habe ich immer so geschrieben, als ob er das lesen würde. Als ob ich ihm einen Brief schreibe. Ich habe ihm immer geschrieben, wie groß ich jetzt bin und welche Klasse ich besuche.

Jedes Mal, wenn ich traurig bin und meinen Vater vermisse, denke ich an die unzähligen Waisenkinder und Witwen, die dieser Genozid hervorgebracht hat. Ich denke an all diejenigen, die bis heute unter den schlimmsten Bedingungen leben und neben der Trauer auch noch die Sorge haben, wie sie ihre Familien ernähren sollen. Ich hingegen habe vieles, wofür ich dankbar sein kann. Ich bin dankbar, dass meine Mutter und meine Schwestern mit mir überlebt haben, dass wir uns noch haben und ein Leben ohne Existenzängste führen können. Manchmal hindert mich das daran, richtig zu trauern und ich erlaube mir nicht, richtig traurig zu sein.

Aber heute will ich es zulassen, ich will ihn schmerzlich vermissen und weinen. Ich will mich an ihn erinnern und seine Bilder anschauen. Ich will meinen geliebten Vater, Innocent Seminega, nicht vergessen.

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