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Fabrizio Bensch / Reuters

Diese jungen Wähler erklären, warum Angela Merkel so erfolgreich ist

Tatsächlich wählen viele junge Menschen diesmal die CDU. Der Versuch einer Erklärung.

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BERLIN – Den ganzen Sommer über haben kleine Grüppchen von rechten Demonstranten Merkel auf ihrer Wahlkampftour verfolgt. Ihr Stopp in Heidelberg macht keine Ausnahme.

Ein paar Dutzend Protestler versammeln sich an dem warmen Septembernachmittag auf dem Universitätsplatz. Insgesamt sind 3.000 Menschen gekommen. Als die Kanzlerin die Bühne betritt, schreien sie „Merkel muss weg“, nennen sie eine Verräterin. Trillerpfeifen sorgen für ein schrilles Pfeifkonzert, das bei Umstehenden für Ohrenschmerzen sorgt.


„Merkel wählen – Leichen zählen“ steht auf einem der Protestplakate, auf einem anderen „Grenzen schließen, Asylwahn stoppen“. Unbeeindruckt dankt Merkel den Menschen, die Flüchtlingen helfen und nicht schreien. Wenn es in der Flüchtlingskrise einen Fehler gegeben habe, dann habe der nicht darin gelegen, Menschen reinzulassen – sondern an der mangelnden Bekämpfung von „Fluchtursachen“ in den Heimatländern der Geflüchteten. „Einigkeit und Recht und Freiheit – und trotzdem vielfältig und damit auch widerstandsfähig gegen Stürme, die auf uns einprasseln“, fasst Merkel ihre Wunschvorstellung von Deutschland zusammen.

Einige Zuhörer konfrontieren die rechten Demonstranten: „Sie haben ein Recht auf Demonstration. Aber wir haben ein Recht auf Demokratie und dürfen hier zuhören, wenn wir das wollen!“, schreit die 18-jährige Mirjam Taufenbach einen besonders lauten Störer an.

Auf dem Platz sind viele junge Menschen. Heidelberg hat Deutschlands älteste Universität, und gut ein Viertel der 155.000 Einwohner sind Studenten.

„Nach der Rede bin ich glaube ich sicher, dass ich sie wählen möchte“, sagt Lena Büttner, eine Erstwählerin.

Am Wahlsonntag muss sich Merkel laut Umfragen wenig Sorgen machen. Dabei sind es gerade junge Menschen, wie Lena Büttner und ihre Freunde, die Merkel ein weiteres Mal ins Kanzleramt befördern könnten.

Unter Merkel wurde die CDU zur beliebtesten Partei bei jungen Wählern. Merkels Umfragewerte bei Erstwählern sind hervorragend. Menschen, die zum ersten Mal wählen, und ehemalige Nichtwähler – sie bescherten der CDU bei den Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen klare Siege.

Im Juni ergab eine Umfrage: 57 Prozent der 18- bis 21-Jährigen wollen lieber Merkel als Kanzlerin als Martin Schulz – ein noch höherer Wert als die 53 Prozent unter allen Wählern, die Merkel als Regierungschefin bevorzugen.

In einer Welt, in der Politikerkarrieren manchmal nur Tage oder Wochen dauern, ist Merkel die Ausnahme. Ihre Kanzlerschaft kam vor zwölf Jahren unerwartet. Wenige hätten gedacht, dass einmal eine ostdeutsche Frau an die Spitze der männerdominierten deutschen Politik kommt. Und sich dann so lange dort hält. Dass sie nun voraussichtlich ein viertes Mal gewählt wird, liegt auch daran, dass sie es schafft, ihre Partei über die traditionell konservative, ältere Parteibasis hinaus attraktiv zu machen.

Deutschland geht es wirtschaftlich vergleichsweise gut. Und Merkel wirkt wie ein Stabilitätsanker in einer unstabilen Welt. Doch ihre Beliebtheit nach zwölf Jahren in Europas mächtigstem Amt kann das nur teilweise erklären.

Viel wichtiger ist, dass eine neue Wählergeneration Merkel authentisch findet. Nichts finden diese junge Wähler bei Politikern wichtiger als Authentizität.

„Sie ist echt! Merkel steht zu dem, was sie sagt. Sie setzt sich sich auch gegen ihre Partei ein und sagt: ‚Wir machen das jetzt – auch wenn ihr dagegen seid.‘“, sagt Mirjam Taufenbach in Heidelberg zu BuzzFeed News.

Warum die 18-Jährige für Merkels Partei stimmt? „Es gibt wenig Frauen, die sich so sehr durchsetzen. Sie ist ein Beispiel für Frauen – und das find ich einfach klasse.“

Auch Tabea Wegener wird Merkel unterstützen. Bei der Bundestagswahl 2013 stimmte die 24-jährige Studentin noch für die SPD. Dieses Mal bekommt wohl die CDU ihre Stimme. „Merkel ist der Hauptgrund“, sagt Wegener.

Sogar viele, die nicht CDU wählen, loben die Kanzlerin. Der Physikstudent Patrick Schygulla verteidigt Merkels Handeln in der Flüchtlingskrise.

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„Ich bin selbst kein CDU-Wähler – aber was ich Merkel hoch anrechne, ist, dass sie gegen den Sturm aus Teilen der Bevölkerung durchgehalten hat und das nach wie vor verteidigt“, so der 25-Jährige nach Merkels Rede in Heidelberg.

„Ich denke, Merkel ist eine sehr gute Politikerin – aber in der falschen Partei.“

Die Flüchtlingskrise ist das eine Thema, das die Einstellung junger Wähler zu Merkel geprägt hat.

Noch im Juli 2015 erntete Merkel heftige Kritik, als sie es nicht schaffte, ein palästinensisches Mädchen zu trösten, dem die Abschiebung drohte.

Merkel sagte der jungen Palästinenserin in einer Fernsehsendung, dass nicht alle Geflüchteten in Deutschland bleiben könnten: „Es werden manche auch wieder zurückgehen müssen.“ Als das Mädchen dann anfing zu weinen, ging Merkel etwas unbeholfen zu ihr und streichelte sie über den Rücken.

Der Hashtag #Merkelstreichelt trendete kurz danach auf Twitter. Einige Wochen später öffnete Merkel die Grenzen für über eine Million Flüchtlinge. #Merkelstreichelt wurde zu #RefugeesWelcome.

„Wir schaffen das“, sagte Merkel, und dieser Satz machte sie bei vielen jungen Wählern beliebt.

„Ich stimme sehr mit ihr überein: Wir versuchen alles, was in unserer Macht steht, um Menschen zu helfen – denn unserem Land geht es wirklich gut. Warum sollten wir denen dann nicht helfen?“, fragt Taufenbach.

Die Flüchtlingskrise hat Merkels moralische Autorität bei jungen Menschen verstärkt. Doch um ihre Beliebtheit richtig zu verstehen, muss man auch ihre persönliche Geschichte kennen. Denn die unterscheidet sich von jedem anderen westlichen Spitzenpolitiker.

Ihre ganze Ausbildung, vom ersten Schultag bis zum Doktortitel in theoretischer Chemie, erlebte sie in einer kommunistischen Diktatur. Keiner weiß besser als Merkel, wie es wirklich war, hinter der Mauer zu leben.

Auch Religion war ein wichtiger Teil ihrer Jugend. Merkels Vater war evangelischer Pfarrer, und als Kind wuchs sie in einem Theologischen Seminar am Rand der Kleinstadt Templin auf – 80 Kilometer nördlich von Berlin. Dort gab es auch ein Heim für Menschen mit Behinderung. Wenn sie ihre Klassenkameraden zum Spielen einlud, dann fürchteten sich die Kinder, erinnert sich Merkel. Dann musste sie die anderen beruhigen.

Merkel war 35, als die Mauer fiel. Ihr Leben änderte sich dramatisch.

"In der DDR mit meiner Arbeit in der theoretischen physikalischen Chemie habe ich nur sehr wenige Menschen getroffen", erzählte sie vor Kurzem der FAZ. "Den wesentlichen Teil des Tages habe ich damals schweigend und denkend verbracht."

"Als dann die Mauer fiel und ich zum Demokratischen Aufbruch ging, merkte ich, wie gerne ich mit anderen Menschen spreche", ergänzte sie.

Die Erfahrung des Eisernen Vorhangs gab Merkel eine langfristige Sicht auf die Politik. Aus erster Hand erlebte sie das Ende einer Großmacht. Sie erfuhr, dass ein Land seinen Wohlstand, seinen technologischen Vorsprung und seine Werte nie für selbstverständlich halten sollte.

Das prägt auch ihre Art, mit der Flüchtlingskrise umzugehen. Als Ostdeutsche weiß Merkel, dass Mittel- und Osteuropa nicht zwangsläufig an westliche Werte und Symbole gebunden sind. Gerade deshalb ist sie verärgert, dass einige europäische Länder Menschen wegen ihrer Religion nicht aufnehmen wollen.

Kritiker sagen: Merkel konnte sich auch deshalb so lange halten, weil sie ein Talent hat, unbestimmt zu bleiben. Während ihrer zwölf Jahre Kanzlerschaft hielt sich Merkel fern von alltäglichen Raufereien und Skandalen der Parteipolitik. "Merkel ist die Teflon-Kanzlerin. Alles prallt von ihr ab. Sie macht keine Fehler. Es ist frustrierend", sagte ein SPD-Insider zu BuzzFeed News.

Merkels Unterstützer greifen das auf: Sie interpretieren in ihre Aussagen hinein, was sie hören wollen – so die Meinung der Kritiker.

Einige Politikwissenschaftler haben für Merkels Politik den Begriff "asymmetrische Demobilisierung" geprägt – also die Strategie, Wähler einzulullen, ihnen ein diffuses Sicherheitsgefühl zu geben und kontroversen Themen auszuweichen. Als Paradebeispiel gilt ihnen die Ehe für alle.

„Die Kanzlerin hat zwei Stärken“, sagt Axel Schäfer, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. „Erstens klaut sie beliebte Themen von den Grünen, der FDP und der SPD. Zweitens wiederholt sie die ganze Zeit eine Forderung: ‚Seid vorsichtig mit dem Geld.‘“

Merkels Verbündete meinen, dass die Kanzlerin sich schlichtweg der Realität beugt. Die breite Mehrheit der Deutschen, darunter CDU-Wähler, waren zum Beispiel für die Ehe für alle.

Viele von Merkels Stärken sind eng verknüpft mit der deutschen Art, Politik zu machen: In der geht es vor allem um Konsens.

„Bei unseren Treffen wollen die meisten Spitzenpolitiker hochgestochene politische Debatten führen“, sagt ein erfahrener EU-Politiker. „Doch Merkel konzentriert sich auf technische Lösungen und Ziele. Sie sitzt dann da, mit einem Stift in der Hand, streicht hier einen Satz, ändert dort einen Absatz.“

Derselbe EU-Politiker beschreibt ihre Vorgehensweise so: „Merkel ist ein Phänomen. Erst zerlegt sie jedes große Problem in kleine Teile. So umgeht sie manche Probleme, andere schiebt sie auf die ganz lange Bank. Sie arbeitet ein bisschen wie ein Algorithmus. Als Nächstes verwandelt sie alles in einen Prozess. Sie gibt den Ton an wie eine Lehrerin – sie verteilt Aufgaben, so dass jeder seinen Platz hat und seine Rolle kennt. Wenn man einmal in ihrem Prozess drin ist, dann läuft die Arbeit. Und zu guter Letzt verliert sie niemals die Gelassenheit.“

Ein anderer europäischer Diplomat sagt: „Merkel kennt jedes Dossier im Detail. Sie ist die einzige europäische Spitzenpolitikerin bei internationalen Gipfeln, die ganz allein ein Communique schreiben kann. Sie kann einzelne Wörter in einem Dokument überarbeiten, weil sie die Feinheiten dieser Wörter und ihre Bedeutung wirklich versteht.“

Das führt auch dazu, dass impulsivere Politiker Merkels Art manchmal nervig finden. Der frühere italienische Premierminister Matteo Renzi schrieb im Juli in einem Buch, ohne Merkel namentlich zu nennen: „Ganze Tage damit zu verbringen, über ein Komma in einem Dokument zu streiten, das weniger Leute lesen werden, als das Dokument geschrieben haben – das ist zu 99 Prozent Zeitverschwendung.“

(Allerdings ergänzt Renzi später, dass Merkels vermittelnde Rolle auch mehrmals hilfreich für Italien war.)

Ein europäischer Regierungschef sagte BuzzFeed News: „Nicht jeder mag Merkel, aber jeder respektiert sie.“

Merkels Politikstil würde in Großbritannien oder den USA wahrscheinlich nicht funktionieren. Dort geht es mehr um Kampf und Konfrontation. Merkel dagegen gibt sich große Mühe, mit allen auszukommen. Sie lässt sich nicht auf die Palme bringen, greift selten an und ist sehr reflektiert. Wie ein politischer Kommentar in der FAZ letztens schrieb: Merkel macht "Politik ohne Zirkus".

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Eingeklemmt zwischen Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan, nennen manche Merkel schon "die Anführerin der freien Welt", oder "die letzte Verteidigerin des Westens".

Das lehnt die Kanzlerin ab. Solche Titel stehen einer deutschen Regierungschefin nicht.

Gern wird Merkel beschrieben, indem ihre Unterschiede zu anderen Politikern herausgestellt werden – oft Machos mit Riesen-Egos, die im Nachhinein zugeben müssen, sie unterschätzt zu haben. Trump ist der jüngste in der Reihe.

Seine Kritik an Deutschland und der Kanzlerin (ihre Flüchtlingspolitik nannte er einen "katastrophalen Fehler") hat Merkel zu Hause den Rücken gestärkt. 85 Prozent der Deutschen halten wenig von Trump – nicht zuletzt, weil er sich gegen das Pariser Klimaschutz-Abkommen gestellt hat. Er ist der unbeliebteste US-Präsident in Deutschland, seit es solche Umfragen gibt.

Merkel ist freundlich zu anderen Staats- und Regierungschefs – aber Freundschaften pflegt sie mit keinem. Sie hat einen festen Freundeskreis, abseits der Politik. Mit Menschen außerhalb dieses Kreises verbringt sie keine Freizeit.

Helmut Kohl ging mit dem russischen Präsidenten Boris Yeltsin in die Sauna. Silvio Berlusconi und Putin sind immer noch Freunde, die sich auch nach dem Regierungsende Berlusconis in Russland und Italien treffen. Nicht so die Kanzlerin.

Einer politischen Freundschaft am nächsten gekommen ist Merkel mit Barack Obama. Sein letzter Telefonanruf ging an Angela Merkel, zuvor stoppte er auf seinem letzten Übersee-Trip in Berlin. Vertraute erinnern sich an lange Gespräche über Strategiefragen und globale Probleme, die über aktuelle Krisen hinausgingen. Im Frühjahr kam Obama nach Berlin, um auf dem Evangelischen Kirchentag neben Merkel zu diskutieren.

Obwohl sie seit zwei Jahrzehnten im Fokus der Öffentlichkeit steht, ist Merkel in vielerlei Hinsicht eine Unbekannte geblieben.

Sehr selten gewährt sie einen Einblick in ihr Privatleben – zum Beispiel, wenn ein Fotograf sie im Supermarkt erwischt oder Merkel öffentlich ihr Kartoffelsuppen-Rezept verrät.

Ihr Vermächtnis ist der Kanzlerin angeblich nicht wichtig. Doch der Tag wird kommen, an dem sie entscheidet, abzutreten. Ihre engsten Vertrauten würde es nicht wundern, wenn sie dann einfach ihren Tisch räumt, Tschüss sagt und geht.

Sollte sie am Sonntag einen Erfolg einfahren, dann rückt dieser Tag in weite Ferne. Sie hat dann eine neue Generation von Wählern gewonnen. Wie Elisabeth Pfaffendorf, eine 24-jährige Medizinstudentin, die BuzzFeed News in Heidelberg sagt: Sie wählt CDU nur wegen Merkel.

„Die Dinge, die sie sagt, sind ihr persönlich wichtig“, sagt Pfaffendorf. „Sie denkt längerfristig – anders als die Leute, die sofort irgendwas durch die Gegend schreien. Bei Merkel habe ich immer das Gefühl, dass sie einen Plan hat.“


Dieser Artikel erschien zuerst in einer längeren Version auf Englisch.

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Alberto Nardelli is Europe editor for BuzzFeed News and is based in London.

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